Ist die Karlskirche in Gefahr? Wie viele Geschosse hat ein Hochhaus? Eine Aufstockung am Karlsplatz sorgt für reichlich Aufregung und wirft Fachbegriffe munter durcheinander.

"Betonklotz! Glasmonster! Turm!" Wenn solche schreienden Buzzwords kursieren, kann man sich sicher sein, dass schon wieder eine Architekturdebatte entbrannt ist. Was war passiert? Folgendes: Ein viergeschossiges Bürogebäude soll um zwei Geschosse aufgestockt werden. Für gewöhnlich nichts, was das Blut hochkochen lässt. Nur handelt es sich hier um einen prominenten Standort, denn das ehemalige Winterthur-Haus der Zürich-Versicherung steht direkt neben der Karlskirche. Der 1971 errichtete Bau soll nun, ebenso wie das benachbarte WienMuseum, in die Höhe wachsen.

Nun kann sich jeder Mensch, der zwei Augen und fünf Minuten Zeit hat, genau hinzuschauen, schnell davon überzeugen, dass es sich bei diesem geplanten Umbau weder um einen Betonklotz, noch um ein Glasmonster, noch um einen Turm handelt. Dies hinderte die Kronen-Zeitung jedoch nicht daran, zum Sturm gegen das Projekt aufzurufen und die von Georg Eltz ins Leben gerufene Initiative "Rettet die Karlskirche" zu unterstützen, die von einer eigenartigen Koalition aus Kirche, FPÖ und dem Sohn des Architekten getragen wird.

Die Posse um die nicht gebaute Zentrale der MA48 und ihren von der Jury verschmähten Mistkübel-Entwurf hat für Gesprächsstoff gesorgt. Ist es wirklich, wie Stadträtin Ulli Sima beteuert, ein "ärgerlicher Einzelfall", oder ist etwas faul in der Wiener Baukultur? Ein Überblick über den Stand der Debatten.

Beginnen wir mit einer etwas ungewöhnlichen und leider etwas unappetitlichen Frage: Was hat Hundekot mit Baukultur zu tun? Nichts, würde man meinen. Doch zumindest in Wien haben die beiden Begriffe eine gemeinsame Schnittmenge. Genau, es geht um die Magistratsabteilung 48. Diese macht zweifellos einen sehr guten Job. Sie macht auch sehr viel Werbung dafür, dass sie ihren Job macht. Kampagnen, Aktionen, Mistfeste, Inserate, Plakate und Stadträtinnenkonterfeis noch in den abgelegensten Gehölzen der Lobau. Eine besondere Vorliebe hegt die Werbeagentur der MA48 offenbar für die Hinterlassenschaften von Vierbeinern und affichiert gerne hundertfach vergrößerte Fotos von Hundekot oder aufgetürmten Hundekotsackerln auf Plakaten im öffentlichen Raum. Nun hat die Koprophilie gerade in Österreich in Kunst und Psychologie eine lange und interessante Geschichte, aber müssen wirklich für Steuergeld Fotos von Hundekot angefertigt werden? Und was kostet das eigentlich?

Das haben sich auch die Gemeinderäte der NEOS gefragt, die am 22.März 2016 eine Anfrage an Umweltstadträtin Ulli Sima bezüglich der Kosten der soeben gestarteten "Schmutzkübel-Kampagne" stellten, eine PR-Aktion, die die Bürger Wiens darauf hinweisen sollte, den Mist bitte in Mistkübel zu werfen. Gefragt wurde auch nach dem gesamten Werbebudget der MA48 im Jahr 2015. Die Antwort auf die erste Frage: 253.300 Euro. Die Antwort auf die zweite Frage blieb aus.

Wohnen im Zeichen der Angst: Warum wird eigentlich plötzlich andauernd über das Thema Brandschutz diskutiert?

Es muss jetzt gleich zu Beginn etwas Unangenehmes gesagt werden. Und zwar folgendes: Leute sterben. Es ist unerhört, es ist skandalös, aber es ist so. Bisweilen sterben Leute in Häusern. Gar nicht so selten eigentlich. Das ist nicht lustig. Aber im Rückblick auf die gemeinsame Geschichte von Menschen und Behausungen kommt man zum Schluss: Es lässt sich wohl nicht komplett vermeiden. Nichts gegen das ehrbare Ziel der Risikominimierung, aber man bekommt den Eindruck, das Sterben in Häusern solle komplett und für immer eliminiert werden. Sie ahnen es schon, es geht hier um das Thema Brandschutz.

Dass die Aussagen von Umweltstadträtin Ulli Sima im Falter-Interview letzter Woche zum Thema Architekturwettbewerbe tätigte, auf herbe Kritik stoßen würden, war abzusehen. Architekturwettbewerbe seien teuer, so Sima, es würden „viele Architekten zum Zuge kommen“, und womöglich wählte die Jury einen Entwurf, der „uns als Bauherr“ dann gar nicht passe. Einen Tag später antwortete die Architektenkammer mit einer Aussendung: Es gebe hier wohl ein grundlegendes Missverständnis, was Öffentlichkeit und Architekturwettbewerbe beträfe. Die Stellungnahme hätte schärfer sein können, denn bei Simas Bemerkung, „wir als Bauherr“ hätten ein missliebiges Wettbewerbsergebnis „dann einfach nicht umgesetzt“, muss man sich schon ungläubig an den Kopf fassen.

Urbane Bühnenbilder: Die Ausstellung "Anime Architektur" im Berliner Museum für Architekturzeichnung zeigt mit Originalbildern aus Animationsfilmen die Faszination japanischer Comic-Künstler für die Stadt als Setting für Utopien und Dystopien - oder beides zugleich.

Japan, im Jahre 2030: Eine Horde junger rebellischer Jugendlicher rast mit ihren Motorrädern auf unbeleuchteten und maroden Stadtautobahnen in die verbotene Zone des alten Tokio, wo seit einem Atomkrieg vor 38 Jahren nichts als ein pechschwarzer nuklearverseuchter Bombenkrater gähnt. So apokalyptisch beginnt Katsuhiro Otomos epochales Anime-Epos "Akira", das in sechs Bänden zwischen 1982 und 1990 erschien. Es gipfelt nicht weniger apokalyptisch in der physischen Verschmelzung des Antihelden mit der Stadt.

Akira läutete eine neue Ära des Animes ein, in dem Metropolen als Ort der Handlung eine tragende Rolle spielen. Eine Auswahl von Illustrationen für Anime-Filme jener Ära ist zur Zeit in der Tchoban Foundation, dem Museum für Architekturzeichnung in Berlin, zu sehen. Hier steht nun die Welt der Comics vollwertig neben Klassikern der Architekturzeichnung wie den endlosen Unterwelten in Giovanni Battista Piranesis Carceri oder den wild zersplitterten Architekturlandschaften von Lebbeus Woods.

Das neue Schaudepot soll, anders als seine Nachbarn auf dem VitraCampus, keine Ikone sein. Wie plant man ein nicht-ikonisches Gebäude?

Pierre de Meuron:

Es war von Anfang an die Herausforderung, sich zurückzuhalten. Rolf Fehlbaum von Vitra wollte zuerst etwas ganz Unsichtbares. Er wollte im Grunde gar keine Architektur. Wir haben dann unterirdische und anonyme Lösungen durchdekliniert, und haben herausgefunden: Keine Architektur, das geht nicht. Man setzt immer ein Statement. Die Frage ist eben, welches das ist. Die rechteckige Form mit dem Satteldach war für uns die richtige Antwort auf diese Frage.

Ist diese archaische Form des "Ur-Hauses" nicht selbst ein ikonisches Zeichen?

de Meuron:

Es geht einfach um grundsätzliche Fragen der Architektur: Ein Haus, ein Dach, ein Boden. Es soll aussehen, als ob es schon immer da gewesen sei.

Der Campus des Möbelherstellers Vitra hat ein neues Schaudepot für seine Designklassiker bekommen. Herzog und de Meuron inszenierten das Stuhllager als sakrale Ur-Hütte.

Wie ein Tempel unbekannter Konfession und unbekannten Alters sieht es aus. Ein millimeterdünnes schwarzes Satteldach über grob gebrochenem, leuchtendrotem Ziegel. Keine Fenster, nur in der Mittelachse eine hohe schmale Tür. Das Ganze thront auf einem erhöhten, abgetreppten Vorplatz, wie eine Kultstätte, an der Hohepriester Opfer darbringen.

Was so archaisch daherkommt, ist eigentlich etwas ganz Banales: Ein Möbellager. Aber der Vitra-Campus auf dem Firmengelände des gleichnamigen Möbelherstellers im deutschen Weil am Rhein war noch nie ein Hort der Banalität. Was als Neuanfang nach einem Brand 1981 begann, wurde unter der Leitung des Vitra-Chefs Rolf Fehlbaum zu einer Art "Stars auf der Wiese"-Schau.

Den Neubauten von Nicholas Grimshaw folgten 1989 das Vitra Design Museum von Frank Gehry und 1993 das Feuerwehrhaus von Zaha Hadid, ihr erster realisierter Bau, dem man seine 23 Jahre heute kaum ansieht. Weiteres aus der Pritzker-Preis-Liga: Eine Lagerhalle von Alvaro Siza, 2010 die hoch übereinandergetürmten schwarzen Langhäuser des VitraHaus-Showrooms von Herzog und de Meuron und zuletzt die zartweiße, runde Halle des japanischen Büros SANAA.

Die Londoner Tate Modern expandiert und wird zur New Tate Modern. Mit ihrem kantigen Turm aus Beton und Ziegeln setzen die Architekten Herzog und de Meuron dabei auch ein Zeichen gegen den Ausverkauf der Stadt

Designermöbel, wie mit dem Lineal arrangiert: Die vollverglasten Panoramawohnzimmer sind so perfekt, dass sie wie übereinandergestapelte Schaufenster wirken. Wer hier wohnt, zeigt, was er hat, Geschmack aus dem Katalog. Das Penthouse in den Luxustürmen von Neo Bankside in zweiter Reihe am Südufer der Themse, entworfen von Richard Rogers, kostet rund 27 Millionen Euro. Von vielen Londonern scharf kritisiert als Paradebeispiel einer Entwicklung des Wohnens vom Grundbedürfnis zur Währung für Spekulanten, ist nur eines von vielen spiegelverglasten Investorenprojekten an der South Bank, allesamt überragt von der 310-Meter-Pyramide des "Shard".

Doch jetzt haben die Bewohner von Neo Bankside einen neuen Nachbarn bekommen: die Londoner Öffentlichkeit. Denn genau zwischen ihren Sofas und dem Flussufer liegt die Tate Modern, seit dem Jahr 2000 in der wuchtigen Industriekathedrale des ehemaligen Bankside-Kraftwerks aus den 1950er-Jahren untergebracht. Ein Erfolg von Anfang an, mit fünf statt der erwarteten zwei Millionen Besucher pro Jahr. Schon 2004 war klar, dass man expandieren musste. Der einzig mögliche Ort dafür: im Süden der großen Turbinenhalle, die sich als halböffentlicher Vorraum der Kunst einen festen Platz im Londoner Leben erobert hat. Dort, wo im Untergeschoß zwei riesige runde Öltanks schlummern, erhebt sich jetzt ein zehngeschoßiger Anbau: die New Tate Modern, die gestern, Freitag, nach sechs Jahren Bauzeit eröffnet wurde. Die schon für den Altbau verantwortlichen Schweizer Architekten Herzog und de Meuron hatten zwar zuerst einen wilden Stapel verglaster Boxen vorgesehen, doch als sie sahen, wie ringsum die verspiegelten Luxustürme aus dem Boden schossen, entschieden sich die Architekten für eine Kehrtwende.

Die japanische Pritzkerpreisträgerin Kazuyo Sejima, die ab Herbst Professorin an der Universität für angewandte Kunst in Wien sein wird, achtet mit ihren Bauten die Umwelt auf ganz eigene Weise, wie sie im Interview erklärt

Seit 1995 leitet Kazuyo Sejima mit ihrem Partner Ryue Nishizawa das Büro SANAA. 2010 wurde ihnen gemeinsam der Pritzkerpreis verliehen. Ihre Bauten wie das Museum des 21. Jahrhunderts in Kanazawa, das New Museum in New York oder die kleinen Kunsträume, die sie in einem Langzeitprojekt auf der Insel Inujima verteilt, zeichnen sich durch Helligkeit und Leichtigkeit aus und scheinen manchmal ganz in der Landschaft verschwinden zu wollen. Diese Woche war Kazuyo Sejima als Ehrenpräsidentin der Jury des Blue Award in Wien.

Der dieses Jahr zum vierten Mal vergebene, von der TU Wien ausgeschriebene internationale Studentenwettbewerb zeichnet Beiträge zur Nachhaltigkeit in Architektur und Stadtplanung aus, der Gewinner des Blue Award 2016 wird im August bekanntgegeben. Mit dem STANDARD sprach Kazuyo Sejima, die ab Herbst eine ordentliche Professur an der Wiener Universität für angewandte Kunst antreten wird, über die japanische Art des nachhaltigen Bauens und die Harmonie von Haus und Umgebung.