architektur

Vor der Wien-Wahl ist der öffentliche Raum eines der wichtigsten Spielfelder im Wahlkampf, die Parteien überbieten sich in Visualisierungen begrünter und behübschter Straßen und Plätze. Wie kommt so etwas zustande? Eine szenische Spekulation.

Die Mariahilferstraße machte den Anfang. Die anfangs umstrittene Verkehrsberuhigung wurde zur Blaupause für eine ganze Reihe an Fußgänger- und Begegnungszonen. Doch niemand hätte vor fünf Jahren erwartet, dass im Wahljahr 2020 unter nahezu allen Parteien ein Ideenwettstreit um die Umgestaltung von Straßen und Plätzen entbrennt, der in einer wahren Flut sich verdächtig ähnelnder Visualisierungen kulminiert. Wir haben hinter die Kulissen dieser Bildproduktion geschaut, heimlich gelauscht und ein nicht vollständig ernstes Dramolett mitgeschrieben.

 

Er ist der spröde Bruder der schicken Computer-Renderings, und das Gegenmittel zu ihrer Augenwischerei. Er ist abstrakt, aber genau darin liegt seine Schönheit. Eine Liebeserklärung an den Grundriss.

Herr N. (Name der Redaktion bekannt) freute sich besonders, als ihn neulich eine Bekannte aus Schulzeiten zum Wiedersehens-Kaffee einlud. Nicht nur, weil er sie seit über 20 Jahren nicht gesehen hatte, sondern auch aus einem besonderen Grund: Er erinnerte sich noch von früher, dass ihr kleines Haus einen der schönen Erdgeschossgrundrisse überhaupt hatte – was sich beim erneuten Besuch bestätigen sollte. Ein großer Vorraum mit Esstisch, eine rundum benutzbare Küche, ein Wohnzimmer zur Gartenfront. Fenster an den richtigen Stellen. Keine Zwickel, keine Engstellen. Türen von jedem Raum direkt in den anderen. „Wenn Kinder zu Besuch kommen, lieben sie es, im Kreis zu rennen,“ sagte die Bekannte. Zeichnet man den Grundriss auf, ist er von fast banaler Einfachheit, aber man sieht sofort: Hier stimmt alles.

Will man herausfinden, ob eine Wohnung wirklich gut funktioniert oder nicht, ist die Fotografie nur wenig hilfreich. Sie verzerrt die Proportionen, sie zeigt nur einen Ausschnitt, oder lenkt den Blick auf Details: Sofa, Vase, Gummibaum. Ein Grundriss jedoch zeigt den Grad der Wohnlichkeit auf den ersten Blick, auch wenn man gerade einem guten Grundriss nicht ansieht, wieviel Arbeit in ihm steckt. Auch ein schlechter Grundriss ist unschwer zu diagnostizieren: Falsche Proportionen, fehlende Fenster, absurde Umwege, ein Zuviel an Gängen. Auch ein Übermaß an 45-Grad-Winkeln ist in der Regel ein gutes Indiz, dass sich hier etwas nicht ausgegangen ist und hineingewurschtelt werden musste.

Warum sind eigentlich so viele Häuser in Österreich gelb? Eine scheinbar banale Frage, deren Antworten viel über die Kulturgeschichte und die Missverständnisse von Farben und Fassaden erzählen. Eine Spurensuche in den Pigmenten.

Ein Running Gag in Folge 33 der Serie Monty Python’s Flying Circus aus dem Jahr 1972 ist, dass immer wieder jemand plötzlich und zusammenhanglos die Frage stellt: „Lemon Curry?“ Eine Frage, die man sich auch bei einem Spaziergang durch Österreich immer öfter stellt. Denn Österreich, so der subjektive Eindruck, wird immer gelber, vor allem in den östlichen Bundesländern. Ein Dorf im Mostviertel, mittendrin ein Bauernhof in nachtleuchtenden Farben, oben Zitrone, unten Orange. Eine Villa am Hang nahe Wien, übersät mit weißen Ornamenten in Zuhälterbarock, der Putz in kreischendem Neongelb. Ein warnwestenfarbenes neues Haus am Ortsrand im Weinviertel, kilometerweit sichtbar. Eine Siedlung im Südburgenland, hinter der Thujenhecke eine Wand in Textmarker-Neon. Aber auch Wien ist nicht verschont: Auswurfgelb in Aspern, Eidottergelb am Nordbahnhof, ein gigantischer Käse in Liesing. Lemon Curry?

„Ich beobachte das Phänomen auch schon länger,“ sagt Architekt Erich Bernard vom Wiener Büro BWM, das sich in ihren Bauten intensiv mit Farbe beschäftigt, von der sorgfältigen Fassadenrestaurierung des Karl-Marx-Hofes bis zum schwarzgetünchten 25 Hours Hotel. „Das Gelb ist allerdings nicht das Hauptproblem, sondern die Helligkeit und der Kontrast“. Dies sei auch bei weißen Häusern der Fall, wenn sie an Stellen auftauchen, wo sie nicht hinpassen. „Vor einem dunklen Hintergrund wie einem Wald springt das Weiß überdeutlich hervor. Die Moderne wird ebenso unreflektiert übernommen wie früher das Schönbrunner Gelb“. In der Tat eiferte der Adel schon im frühen 19.Jahrhundert dem Hof nach und ließ sich schönbrunnfarbene Palais errichten, das Bürgertum Ende des 19.Jahrhunderts tat es ihm mit seinen Sommerfrische-Villen gleich, während der Landadel selbst das Gegenteil tat und traditionell-bäuerliche Bauformen übernahm.

Sie werden als Ausweg aus Krise, Stress und Wohlstandsmüdigkeit angepriesen. Askese statt Luxus! Zurück zur Natur! Doch Tiny Houses sind nichts als eine scheinheilige Lüge. Eine Polemik.

Small-Talk am Rande eines Immobilienevents in Wien. Ein österreichischer Investor berichtet, er sei jetzt in New York in den Markt für Kleinstwohnungen eingestiegen. Dies liege genau im Trend, denn solche Wohnungen, so der Developer, "wollen die Leute jetzt". Ob er das wirklich glaubte, oder ob ihm klar war, dass „die Leute“ nicht aus freien Stücken auf wenigen Quadratmetern hausten, blieb offen. Den Trick, ein Problem als Produkt zu vermarkten, ist jedoch typisch für diese prekären Zeiten.

Das bringt uns zum Thema Tiny Houses. Tiny Houses sind - passend zum Spätkapitalismus – einfach das Letzte. Seit etwa zehn Jahren kann man sich vor Tiny Houses nicht retten, sie sind überall: Tiny-House-Blogs, Tiny-House-Fernsehshows, Tiny-House-Bücher. Sie sind das perfekte Architekturangebot für Ich-AG, Influencer und verschwörungstheorievernebelte Aussteiger.

Natürlich ist es schick, mit Gwyneth-Paltrow-Pose verträumt zu erzählen, dass man sich von der Konsumgesellschaft befreit hat und „irgendwie aufs Wesentliche reduziert, weißt du". Aber das geht nur, wenn man vorher genug hatte, um es wegzureduzieren. Die Askese ist nur eine andere Art von Luxus, mit der bequemen Exit-Strategie, sich nach dem Ende der Tiny-House-Phase wieder neuen Konsumschrott anschaffen zu können. Diejenigen, die aus den Innenstädten vertrieben werden oder die mit Ex-Partnern zusammenleben, weil sich keiner von beiden die Miete nach einem Umzug leisten kann, haben diese Option nicht.

Der Bregenzerwälder Bernardo Bader hat in jungen Jahren schon eine Fülle von Architekturpreisen gesammelt. Er baut lokal, aber sein Ruhm reicht weit über Land und Ländle hinaus. Warum ist das so? Ein Hausbesuch in Vorarlberg.

Hand aufs Holz. „Schau diese schönen Schindeln an!“ ruft Bernardo Bader. „Die sind über 50 Jahre alt und funktionieren noch tadellos!“ Bernardo Bader ist sicher schon zahllose Male an diesem alten Bauernhaus vorbeigegangen, aber er ist immer noch begeistert wie ein kleiner Junge.

Geht man von diesem Haus ein Stück über die Wiese, sieht man ein spitzes, steiles Satteldach, eine fast abstrakte Kirchensilhouette, die die sanft talwärts abfallende Baumreihe auf dem Bergrücken wie eine Buchstütze abschließt. Die kleine Kapelle Salgenreute, 2016 anstelle der früheren Kapelle errichtet. Auch sie ist mit Holzschindeln verkleidet, die sich inzwischen schon je nach Himmelsrichtung verfärbt haben. Entworfen von Bernardo Bader, ist sie das Ergebnis einer gemeinsamen Arbeit von Bewohnern und Handwerkern, die das Gotteshaus mit minimalstem Budget realisierten.

Dennoch ist es alles andere als ein gebauter Kompromiss, es trägt eine klare, entschlossene Handschrift. „Ich muss überzeugt sein, dass es ein starkes Ding ist“, sagt Bernardo Bader. „Dann versuche ich das umzusetzen. Aber um der Provokation willen jemandem etwas aufzudrängen, interessiert mich nicht. Für mich hat Architektur mit Akzeptanz zu tun.“ Wenn er einen Kindergarten baut, sagt Bader, erklärt und erzählt er vor der Übergabe an die Benutzer diesen noch einmal das Haus. Wie man sorgsam mit ihm umgeht, und dass man durchaus einen Nagel ins Holz schlagen darf, wenn man weiß, wo das Holz das verträgt.

Seit 25 Jahren gibt es in Wien das Instrument der Bauträgerwettbewerbe. Von der Öffentlichkeit wenig beachtet, produziert es Wohnbauten mit hoher Qualität, aber auch viel guten Durchschnitt, und immer mehr Masse.

Der Beruf des Stadtplaners ist ein Phantom. Landläufig, pardon: stadtläufig, stellen sich viele immer noch einen singulären Masterplaner vor, der nach Gutdünken aufzeichnet, wie hoch ein Häuserblock sein und wo ein Mistkübel stehen darf, woraufhin diese Zeichnung von wieselflinken Stadtbaufirmen genauso umgesetzt wird. Das ist natürlich falsch. Stadtplanung ist ein kompliziertes Geflecht aus Politik, Verwaltung, Fachplanern und Öffentlichkeit. Gerade die schönsten Städte verdanken ihre Gestalt vor allem strengen Baugesetzen und wirtschaftlichen Notwendigkeiten. Das Rote Wien wäre ohne die Wohnbausteuer nie realisiert worden. „Form folgt Paragraph“, wie es die gleichnamige Ausstellung im Wiener AzW 2017 formulierte.

Kein Wunder, dass der gesetzliche Mechanismus, der seit inzwischen 25 Jahren das Wiener Stadtbild prägt, über die Fachwelt hinaus kaum bekannt ist: Der Bauträgerwettbewerb. Seit 1995 wird ein solcher vom wohnfonds_wien ausgelobt, wenn städtische Liegenschaften mit bebaut werden. Das Besondere: Wie der Name besagt, reichen Bauträger und Architekten als Teams ein, es ist also kein reiner Architekturwettbewerb, denn der Sieger bekommt schließlich das Grundstück.

Eine halbe Million Wohnungen errichtete der Konzern Neue Heimat in den 1950er bis 1970er Jahren in der BRD. Sein skandalöses Ende bedeutet auch das Ende des sozialen Wohnbaus in Deutschland. Eine Ausstellung in Frankfurt macht sich jetzt an eine Neubewertung.

Das Jahr 1982 hatte nicht gut begonnen für die bundesdeutsche Sozialdemokratie. Der Koalitionspartner FDP sprach SPD-Kanzler Helmut Schmidt zwar noch am 3.Februar das Vertrauen aus, doch die Liberalen rebellierten gegen die rote Wirtschaftspolitik, der Kalte Krieg und seine stationierten US-Raketen spalteten die Partei von Kanzler Helmut Schmidt. Der Anfang vom Ende des sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaats begann wenige Tage später, am 8.Februar. „Neue Heimat. Die dunklen Geschäfte von Vietor und Genossen“ titelte das Magazin „Der Spiegel“ an jenem Montag.

Die gewerkschaftseigene Wohnbaugesellschaft Neue Heimat war die mächtigste der Bundesrepublik, sie hatte nicht nur rund eine halbe Million Wohnungen errichtet, sondern auch Schwimmbäder, Krankenhäuser und Kongresszentren. Entstanden in den 1920er Jahren, bekam sie in der NS-Zeit ihren Namen und wurde 1954 als Großkonzern neu gegründet. Zwar immer noch gemeinnützig, hatte sie über die Jahre ein Geflecht aus gewinnorientierten Nebenfirmen etabliert. Wie der Spiegel aufdeckte, hatten der NH-Vorstandsvorsitzende Albert Vietor („King Albert“) und andere Funktionäre sich über Strohmänner schamlos an Grundstückskäufen und an den eigenen Mietern bereichert. Der Schaden: Mehrere hundert Millionen Mark. Gewerkschaftlich-solidarischer Ethos sah anders aus.

Eine Woche später wurde Vietor fristlos entlassen. Im September 1982 wechselte die FDP die Seiten, am 1.Oktober begann unter Helmut Kohl die sogenannte „geistig-moralische Wende“. Die Neue Heimat wurde 1986 für eine symbolische D-Mark an einen Berliner Bäcker verkauft und 1990 aufgelöst. Die Titanic des deutschen Nachkriegswohnbaus war gesunken. Die Steuerreform 1988 besiegelte das Ende der Gemeinnützigkeit in Deutschland. Der Wohnbau wurde weitgehend dem freien Markt überlassen, auch von Sozialdemokraten: Noch 2004 verscherbelte die Berliner SPD unter Rechtsaußen-Finanzsenator Thilo Sarrazin die Wohnungsbaugesellschaft GSW mit 65.000 Wohnungen an ein US-Konsortium. Heute versucht Berlin, seine Wohnungen wieder zurückzubekommen. Der soziale Wohnbau in Deutschland erholte sich nie wieder von diesem Skandal.

Ein überzeugter Europäer und ein virtuoser Bildhauer der Spätmoderne: Der gefeierte und umstrittene slowakische Architekt Vladimír Dedeček ist im Alter von 90 Jahren gestorben.

Vladimír Dedeček war es nicht mehr gewohnt, Gäste zu empfangen. Dabei war der fragile, kleine Herr ausgesprochen höflich, geradezu galant, aber das Innere seines von ihm selbst entworfenen Reihenhauses am Stadtrand von Bratislava war leer und still, auf dem Esstisch stand ein extra für die Gäste aus Wien gekaufter Kuchen, der etwas verloren aussah.

Die Architektur der Nachkriegszeit wird nach und nach wiederentdeckt, aber Kärnten blieb bisher ein weißer Fleck. Ein Forschungsprojekt dokumentiert nun die Ära der Süd-Moderne

"Alles Leben ist abgewandert in Baukästen, / neue Not mildert man sanitär, in den Alleen / blüht die Kastanie duftlos." Eine Architektur der trostlosen Sauberkeit beschreibt Ingeborg Bachmann 1957 in ihrem Gedicht Große Landschaft bei Wien.

Seit zehn Jahren katalogisiert ein Künstlerkollektiv unvollendete Bauten in Italien. Sein Ziel: das "incompiuto" zum Stil zu deklarieren

Ein leerer Platz, gerahmt von Gestrüpp und überwucherten Treppen. Darüber thront ein Gebilde, das aussieht, als habe ein betrunkener Bildhauer ein Parkhaus für ausrangierte Raumgleiter aus Star Wars erbaut. Ein Bauzaun unten, rostige Bewehrungseisen oben, dazwischen ein Gebirge aus grauen Gewölben mit fratzenartigen Löchern darin, ein Scherenschnitt aus Sichtbeton. Dass dies einmal ein Theater werden sollte, weiß man nur, wenn man es weiß. Kein Mensch weit und breit. Dabei ist dies das Zentrum einer Kleinstadt – oder sollte es sein. Der Ort Gibellina Nuova im Westen Siziliens wurde ab 1971 komplett neu errichtet, nachdem das alte Dorf Gibellina 1968 von einem verheerenden Erdbeben komplett zerstört wurde.

Der flamboyante Bürgermeister Ludovico Corrao lud dafür Architekten und Künstler ein, die dem neuen Gibellina Gestalt und Seele geben sollten. Viele Jahre passierte wenig, und auch danach passierte nicht viel. Heute wohnen 5000 Menschen hier anstatt der anvisierten 50.000. Manches wurde begonnen, anderes blieb Idee, und vieles, wie das Theater, wurde begonnen und nie fertig gestellt. Dazwischen herrschen Gras, Beton, Leere: "incompiuto" – unvollendet.

Ein Bild, das in Sizilien keine Seltenheit ist. Hier, wo sich Landstraßen mitten auf einem Feld plötzlich in eine vierspurige Autobahn verwandeln, um einen Kilometer weiter urplötzlich wieder Landstraße zu werden. Es liegt etwas Surreales in diesen unvermittelten Brüchen und etwas Trauriges in ihrer sinnlosen Willkürlichkeit.