Neue Heimat: Die deutsche Stadtbaumaschine

Eine halbe Million Wohnungen errichtete der Konzern Neue Heimat in den 1950er bis 1970er Jahren in der BRD. Sein skandalöses Ende bedeutet auch das Ende des sozialen Wohnbaus in Deutschland. Eine Ausstellung in Frankfurt macht sich jetzt an eine Neubewertung.

Das Jahr 1982 hatte nicht gut begonnen für die bundesdeutsche Sozialdemokratie. Der Koalitionspartner FDP sprach SPD-Kanzler Helmut Schmidt zwar noch am 3.Februar das Vertrauen aus, doch die Liberalen rebellierten gegen die rote Wirtschaftspolitik, der Kalte Krieg und seine stationierten US-Raketen spalteten die Partei von Kanzler Helmut Schmidt. Der Anfang vom Ende des sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaats begann wenige Tage später, am 8.Februar. „Neue Heimat. Die dunklen Geschäfte von Vietor und Genossen“ titelte das Magazin „Der Spiegel“ an jenem Montag.

Die gewerkschaftseigene Wohnbaugesellschaft Neue Heimat war die mächtigste der Bundesrepublik, sie hatte nicht nur rund eine halbe Million Wohnungen errichtet, sondern auch Schwimmbäder, Krankenhäuser und Kongresszentren. Entstanden in den 1920er Jahren, bekam sie in der NS-Zeit ihren Namen und wurde 1954 als Großkonzern neu gegründet. Zwar immer noch gemeinnützig, hatte sie über die Jahre ein Geflecht aus gewinnorientierten Nebenfirmen etabliert. Wie der Spiegel aufdeckte, hatten der NH-Vorstandsvorsitzende Albert Vietor („King Albert“) und andere Funktionäre sich über Strohmänner schamlos an Grundstückskäufen und an den eigenen Mietern bereichert. Der Schaden: Mehrere hundert Millionen Mark. Gewerkschaftlich-solidarischer Ethos sah anders aus.

Eine Woche später wurde Vietor fristlos entlassen. Im September 1982 wechselte die FDP die Seiten, am 1.Oktober begann unter Helmut Kohl die sogenannte „geistig-moralische Wende“. Die Neue Heimat wurde 1986 für eine symbolische D-Mark an einen Berliner Bäcker verkauft und 1990 aufgelöst. Die Titanic des deutschen Nachkriegswohnbaus war gesunken. Die Steuerreform 1988 besiegelte das Ende der Gemeinnützigkeit in Deutschland. Der Wohnbau wurde weitgehend dem freien Markt überlassen, auch von Sozialdemokraten: Noch 2004 verscherbelte die Berliner SPD unter Rechtsaußen-Finanzsenator Thilo Sarrazin die Wohnungsbaugesellschaft GSW mit 65.000 Wohnungen an ein US-Konsortium. Heute versucht Berlin, seine Wohnungen wieder zurückzubekommen. Der soziale Wohnbau in Deutschland erholte sich nie wieder von diesem Skandal.

Sozialdemokratische Utopie

Eine Ausstellung am Deutschen Architekturmuseum Frankfurt (DAM) macht sich jetzt an eine Neubewertung der Neuen Heimat. „Eine sozialdemokratische Utopie und ihr Bauten“ lautet der Untertitel, es ist die dritte Station der Schau nach München und Hamburg. „Mit dem Niedergang der Neuen Heimat schwand auch der Glaube an soziale Wohnbaupolitik und an Gemeinwirtschaft,“ erklärt Kuratorin Hilde Strobl, die die Ausstellung konzipiert hat und sich selbst als Kind der 1970er Jahre mit ihren Großsiedlungen bezeichnet. Die Fülle an Originalmaterial, von Plänen über Fotos bis zu Modellen und – besonderes Highlight – den von Zeitkolorit durchtränkten popkulturbunten Werbefilmen und Publikationen der Neue Heimat, verdankt man der Hamburger Architektenkammer, die das Archiv der Neue Heimat in letzter Sekunde vor dem Mistkübel rettete und sorgfältig katalogisierte.

Dabei werden einige Vorurteile gegen die „Stadtbaumaschine“ Neue Heimat in Frage gestellt. Denn sie reagierte dank ihres mit Wohnbau-Fachwissen ausgestatteten Personals höchst sensibel auf gesellschaftliche und architektonische Strömungen. Nachdem der Soziologe Alexander Mitscherlich 1965 in seinem vielbeachteten Pamphlet „Über die Unwirtlichkeit unserer Städte“ die Anonymität des modernen Städtebaus gegeißelt hatte, machte ihn die Neue Heimat kurzerhand zum Berater für ihr neues Stadtviertel Heidelberg-Emmertsgrund, und in München-Neuperlach, mit 80.000 Einwohnern eine der größten Siedlungen der Nachkriegszeit überhaupt, durfte der spröde Intellektuelle eine Woche probewohnen. Sein Fazit: Gar nicht so schlecht.

„Die Neue Heimat holte sich gerade in den Anfangsjahren auf die Avantgarde der Architektur ins Haus, viele Bauten zeichnen sich durch kluge Grundrisse und gute Ausführungsqualität aus,“ sagt Hilde Strobl. Auch Großbauten wie das Klinikum Aachen oder das spacige ICC Berlin lieferte die Neue Heimat – Motto: „Wir machen alles“  – meistens pünktlich. Zwar verzichtet die Ausstellung bewusst auf chronologischen Aufbau, dennoch ist offensichtlich, wie die Neue Heimat die Geschichte der Nachkriegsarchitektur spiegelt. Fast surreal muten heute die Pläne von 1966 für das Alsterzentrum Hamburg an, ein gigantischer Komplex mit 200-Meter-Hochhäusern, der das marode Gründerzeitviertel St.Georg komplett ersetzen sollte. Damals von Stadtvätern und Bevölkerung mehrheitlich begrüßt, blieben die megalomanen Pläne letztlich in der Schublade.

Anfang vom Ende

Der Anfang vom Ende begann im Jahr 1973, wie Hilde Strobl erklärt: „Es war gleichzeitig der Höhepunkt der Wohnbauproduktion und das Jahr der Ölkrise, die zu starken Sparmaßnahmen führte. Das heißt, viele Wohnsiedlungen wurden danach zwar fertiggebaut, aber wichtige Infrastruktur wie Arbeitsplätze, Kindergärten und U-Bahn-Anschlüsse nicht. Daran leiden viele Stadtviertel bis heute.“ So ist das Zentrum von München-Neuperlach bis heute eine grüne Wiese. Als der akute Wohnbedarf in den 1970er Jahren nachließ, man die Leistung des Supertankers Neue Heimat aber nicht drosseln wollte, verlegte man sich mit der „Neue Heimat International“ auf den Wissensexport und baute rund um die Welt, insbesondere in Entwicklungsländern. Reibungsverluste und Missmanagement bei diesen Projekten resultierten in einem Verlustgeschäft, das mitverantwortlich für das Kentern war.

„Die Ausstellung ist nicht historisch, sondern hochaktuell,“ betont DAM-Direktor Peter Cachola Schmal. „Sie zeigt, dass es eine Zeit gab, in der man es schaffte, neue Stadtviertel zu bauen, die funktionieren. Heute traut sich das niemand mehr zu.“ Auch die Lektionen für eine vom Wohnungsmangel gebeutelte Gegenwart liegen auf der Hand, so Schmal. „Der soziale Wohnbau wurde in Deutschland abgeschafft. Heute müssen wir ihn neu erfinden. Wir erkennen, dass wir nach dem Neue-Heimat-Skandal das Kind mit dem Bade ausgeschüttet haben.“

Tu felix Austria, möchte man da ausrufen, denn in Österreich, wo die um 1980 einsetzende Privatisierungswelle nie ganz Fuß fasste, und wo Gemeinnützigkeit und kommunaleigene Wohnungen bis heute weitgehend erhalten blieben, hat man die Stigmatisierung und Zerstörung des sozialen Wohnbaus vermeiden können. Im hiesigen Februar 1982 war Kreisky noch Kanzler, Falcos „Kommissar“ war Nummer 1 in den Charts, in Wien wuchs Block C des Wohnparks Alt-Erlaa in die Höhe, und die Kommunen pflegten ihre Gemeindebauten und dachten nicht an Verkauf. Zugegeben: In Wien hatte kurz zuvor der Prozess zum AKH-Skandal für Aufsehen gesorgt. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

 

Erschienen in: 
Der Standard, 13./14.6.2020