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Das Kulturzentrum Mattersburg, eine Ikone des Brutalismus, ist Geschichte. Warum tut sich das Bundesland mit der Baukultur so schwer?

Alle Hilferufe und Appelle haben nichts geholfen: Letzte Woche begannen die Bohrer, sich in den dicken Stahlbeton des Kulturzentrums (KUZ) Matter1burg zu fräsen. Bis auf ein kleines Stück Fassade wird der im Mai 1976 eröffnete Bau des Architekten Herwig Udo Graf Geschichte sein, und mit ihm ein Zeugnis der burgenländischen Kultur- und Bildungsoffensive der Nachkriegszeit.

Das Besucherzentrum für die NÖ-Landesausstellung in Wiener Neustadt kombiniert die alten Kasematten mit neuen Zubauten zu einer Landschaft aus kühler Dezenz.

Seine weißen Sneakers stecken im Erdreich, doch das scheint Matija Bevk nicht zu stören. Der slowenische Architekt steht gerade auf seinem eigenen Gebäude. Genau gesagt befindet sich der Großteil dieses Gebäudes unter dem Erdreich, und das ist bis zu drei Meter tief. Noch genauer gesagt, ist das meiste von dem, was sich unter der Erde verbirgt, nicht neu, sondern über 500 Jahre alt. Die Kasematten von Wiener Neustadt, auf denen Matija Bevk steht, sind Teil der massiven Stadtbefestigung, die über Jahrhunderte ständig adaptiert und erweitert wurde. Im Mittelalter war die kleine Flachlandmetropole eine der am stärksten befestigten Städte Europas. Heute ist sie längst über die Mauern hinausgewachsen und endet weit draußen in einem Amalgam aus Kreisverkehren und Gewerbegebieten.

Die Kasematten selbst gerieten in Vergessenheit, verschwanden unter Zubauten und Schutt. Bis sie für die Niederösterreichische Landesausstellung, die am heutigen Samstag eröffnet wird, wieder zum Leben erweckt wurden. Die 1951 etablierte und seit 2001 im Zweijahresrhythmus stattfindende Schau ist konzentriertes Regionalmarketing, eine Finanz- und Aufmerksamkeitsspritze für den Ort, an dem sie stattfindet, und Anlass zur Erneuerung der Markenidentität im Städtewettbewerb. "Die Landesausstellung 2019 ist die Trägerrakete, um Wiener Neustadt wieder auf die Überholspur zu führen," verkündete Bürgermeister Klaus Schneeberger im Oktober 2016, als der Architekturwettbewerb für das Besucherzentrum in den Kasematten entschieden wurde.

Eine Ausstellung am Architekturzentrum Wien erzählt die Erfolgsgeschichte einer Wiederentdeckung des Ländlichen in China. Auch anderswo entwickelt man Strategien für "progressive Provinzen"

"Countryside – Future of the World" lautet der Arbeitstitel der Ausstellung, die der Architekt Rem Koolhaas anno 2020 am New Yorker MoMA eröffnen wird. Die neue Ära des Ländlichen wurde bereits lange vorher mit apodiktischem Deutungsgetöse angekündigt, als habe der niederländische Architekt nach 40 Jahren Beschäftigung mit der Stadt plötzlich entdeckt, dass es da noch etwas anderes gibt. Selbst Zukunftsforscher Matthias Horx hat den Trend aufgespürt und ihn mit dem, zugegeben cleveren, Label "progressive Provinz" belegt.

All das ist keineswegs neu, am wenigsten in Österreich, wo sich der Verein Landluft schon seit 20 Jahren mit dem Regionalen beschäftigt und den Landluft-Baukulturgemeinde-Preis auslobt, mit dem Gemeinden wie Zwischenwasser und Hinterstoder für ihre beispielhafte Baukultur preisgekrönt wurden. Eine Baukultur, die im ganzen alpinen Raum, von Südtirol über Vorarlberg bis Graubünden, einen enormen Aufschwung genommen hat. Deutschland wiederum grübelt seit 20 Jahren über seine schrumpfenden Regionen nach, nicht nur im Osten. Heute, da Berlin immer voller und teurer wird, ziehen immer mehr Menschen nach Brandenburg und Sachsen-Anhalt, intellektuell unterfüttert mit Landleben-heute-Romanen wie "Unterleuten" von Juli Zeh.

Dass nach 20 Jahren globaler Landflucht das Pendel jetzt zurückschlägt, ist logische Folge der Verstädterung, die irgendwann einen Gegentrend hervorrufen musste. China, wo die Urbanisierung rapide und massiv verlaufen ist und das als Synonym für gesteigerten Wohlstand gilt, erst recht. Dort bluten die Provinzen aus, werden zum Pensionistenreservat, die Flächen für die Landwirtschaft schrumpfen bedenklich. Erste Strategien für das Land wurden von der Zentralregierung bereits vor zehn Jahren entwickelt, jedoch nicht umgesetzt, stattdessen wucherten die Megacitys ungehindert weiter.

Eine türkis-blaue Gesetzesänderung will Eigentum statt Miete im gemeinnützigen Wohnbau forcieren. Ein Angriff der Immobilienwirtschaft auf das Rote Wien?

Glücklich sieht sie aus, die Familie Patterson aus Sussex. Am Tisch in ihrer Küche sitzt an diesem Tag im Jahr 1980 die relativ frischgebackene Premierministerin Margaret Thatcher und hat ein Geschenk mitgebracht: den Kaufvertrag für das Haus der Pattersons. „Right to Buy“ lautet das Gesetz, das Thatchers konservative Alleinregierung soeben beschlossen hat. Es soll den Briten den Kauf ihrer Mietwohnungen ermöglichen, und zwar mit großzügigen Rabatten – im Durchschnitt zu 44 Prozent des Marktpreises.

Eigentum statt Miete: Das war eine Kernbotschaft der Konservativen im Wahlkampf 1979 gewesen und entsprach Thatchers berüchtigtem Diktum „There’s no such thing as society“ – so etwas wie eine Gesellschaft gebe es nicht, es gebe nur Einzelne und ihre Familien. „A nation of homeowners“ solle das Vereinigte Königreich werden, so die Konservativen, denn schließlich hatten Hausbesitzer traditionell die Angewohnheit, konservativ zu wählen. „Right to Buy“ wurde zum durchschlagenden Erfolg – vor allem für Angehörige des Mittelstands. Für viele Bewohner der Housing Estates, der Sozialwohnungen, die in den 60er- und 70er-Jahren vor allem von Labour-Stadtverwaltungen errichtet worden waren, war das Gesetz der Beginn eines neoliberalen Albtraums.

Warum das? Zum einen wurden die Mittel für Neubau und Erhalt radikal gekürzt. Der soziale Wohnbau kam quasi zum Erliegen – und das bis heute. Siedlungen verkamen, weil kein Geld für Reparaturen mehr da war, kommunale Verwaltungen hatten für Neubau kein Budget mehr oder wurden, wie das Greater London Council 1986, gleich komplett aufgelöst. Die Verwaltung von Bauten, in denen sich Eigentum und Miete mischten, wurde chaotisch kompliziert. Die gravierendste Folge: Die Siedlungen, in denen jene wohnten, die sich kein Eigentum leisten konnten, wurden als „sink estates“, als Sozialghettos, stigmatisiert. „Right to Buy“, als Signal für allgemeinen Wohlstand propagiert, erwies sich als perfekter Keil für die Spaltung zwischen Oben und Unten. Wohnen, eigentlich ein Grundrecht, wurde zum Spekulationsobjekt.

Österreichs junge Architekten sind gemeinsam stark. Einzelkämpfer sind Geschichte. Der Beweis dafür: ausgerechnet ein Format namens Fight Club

Die blutigen Gesichter von Edward Norton und Brad Pitt. Geheime Treffen im Keller, die in einen Kampf gegen die Langweile der Kommerzgesellschaft münden. Der Film Fight Club von David Fincher schien 1999 perfekt in eine nervöse Welt an der Schwelle zum 21. Jahrhundert zu passen.

Zehn Jahre später wird in Wien ein Fight Club gegründet. Blut fließt keines in den Treffen des Fight Club in Wien. Es fliegen keine Fäuste, der gesellschaftliche Umsturz steht nicht auf der Tagesordnung. Es wird schlicht und einfach diskutiert. Eine lose Gruppe junger Architekten trifft sich an jedem letzten Freitag im Monat, um ihre Entwürfe und Pläne der schonungslosen Kritik der Kollegen auszusetzen.

Warum tut man so etwas? "Als wir begannen, uns selbstständig zu machen, waren wir zu dritt", erinnern sich die Urmitglieder Erwin Stättner und Robert Diem, die im Jahr 2009 das Büro Franz gründeten. "Unsere Partnerin war fast immer einer anderen Meinung als wir beide. Das war anstrengend, aber es hat uns weitergebracht. Als sie sich beruflich veränderte, hat uns das Korrektiv gefehlt. Also haben wir es woanders gesucht." Bald fanden sich Gleichgesinnte, man traf sich mal im einen, mal im anderen Büro, die Abende dauerten nicht selten bis fünf Uhr früh, eine rituelle Schnapsflasche auf dem Tisch.

Der diesjährige Bauherrenpreis geht an drei alpine Ferienhäuser, wahre Glücksfälle im Zusammentreffen von Investor und Architekten

Jedes Kind, das seine Nase in der Welt von Harry Potter vergräbt, weiß, dass es eigentlich keine Zauberakademien und kein Gleis 9 ¾ gibt. Dem Lesevergnügen schadet das keineswegs. Suspension of disbelief nennt man in Literatur und Film die Tatsache, dass eine Fiktion für die Dauer des Konsums als glaubwürdige Realität akzeptiert wird. Wer schunkelnd vor den Darbietungen der volkstümlichen Schlagermusik sitzt, ahnt vermutlich, dass die Musik auf der Bühne trotz Trachtenjankerls, Ziehharmonika und Gitarre in einem Studio zwischen zwei Jagertees aus Standardversatzstücken am Sequenzer zusammengeschraubt wurde und weder Quetschen noch Gitarre zur Anwendung kommen. Man weiß es, aber man will es nicht wissen. Grad jetzt, wo's so gmiatlich ist!

Die alpine Architektur kennt dieselbe willentliche Blindheit gegenüber der schönen Fiktion. Baumassen aus Beton, die in Volumen einem mittelgroßen Hochhaus kaum nachstehen, werden in enge Täler gezwängt und mit Walmdach und Holzbalkon dekoriert, bis sie aussehen wie ein Auffahrunfall aus halbfertigen Bauernhäusern, während im Inneren hochtechnisierte Wellnesslabyrinthe und Großgastronomien, die jedes Bauernhaus sprengen würden, ihre eigene Welt simulieren, mit im Takt von Tourismusmessen wechselnden Möbeln.

Auch der Fremdenverkehrsort Turracher Höhe an der Grenze zwischen Kärnten und der Steiermark ist nicht frei von solchen Hotelgebirgen im Rustikalpanzer. An der Bundesstraße reihen sich Großparkplätze aneinander, am Hang lärmen die Schneekanonen die ganze Nacht. Doch seit kurzem hat sich hier, in der Heimatregion des schlagervolkstümlichen Nockalm-Quintetts, ein architektonisches Trio angesiedelt, das eine Gemütlichkeit erzeugt, die ganz ohne Zaubertrick und Pappkulisse auskommt. Keine raumfressenden XXL-Bauten unter ausladenden Dächern, stattdessen drei kleine Häuser am Hang, in einem lichten Wald aus Zirben und Lärchen. Schwarz gefärbter Sichtbeton und zum Blockhaus gestapeltes Holz. Drei nadelschlanke Türmchen, quer davor an der Straße eine Scheune mit Garage.

Die Ausstellung eröffnet neue Erkenntnisse über die Rolle des österreichischen Architekturdoyens im "Dritten Reich"

Autobiografien sind selten ein Hort der Objektivität. Erst recht nicht, wenn das erzählte Leben fast ein ganzes Jahrhundert umspannt. Bei Roland Rainer, einem der prägendsten österreichischen Architekten und Stadtplaner des 20. Jahrhunderts, ist das nicht anders. Zwar war seine spät entdeckte NSDAP-Parteimitgliedschaft noch zu seinen Lebzeiten bekannt geworden, über seine Tätigkeiten und seine Gesinnung während des "Dritten Reichs" wusste man jedoch wenig. Er selbst blendete die Arbeiten von 1936 bis 1945 aus seinem Werkverzeichnis aus. Eine forschungsintensive Ausstellung im Wiener Architekturzentrum bringt jetzt mehr Licht in die Vergangenheit des Doyens der Nachkriegsarchitektur – nicht über private politische Äußerungen, von denen keine überliefert sind, sondern allein über das Werk.

"Das Phänomen der Selbsteditierung von Architekten ist nicht neu", sagt Angelika Fitz, Direktorin des Az W. "Daher ist eine unabhängige Forschung umso wichtiger." 2015 hatte das Az W den Rainer-Nachlass übernommen, im gleichen Jahr widmete man sich (noch unter Dietmar Steiners Leitung) mit der Ausstellung Wien, die Perle des Reiches den NS-Planungen für Wien. Die damals begonnene Recherche mündete jetzt in der Ausstellung Roland Rainer – (Un)Umstritten und untersucht den Schaffenszeitraum von 1936 bis 1963. Die drei Kuratorinnen Waltraud Indrist, Ingrid Holzschuh und Monika Platzer sichteten dafür rund 10.000 Akten, vor allem in Berlin, wo sich Rainer 1936 unter Angabe seiner Parteimitgliedschaft bei der Bau- und Finanzdirektion beworben hatte. Bis 1938 blieb er in der deutschen Hauptstadt, von 1940 bis 1945 leistete er Militärdienst und arbeitete im technischen Kriegsverwaltungsrat. In einer späteren Gegendarstellung sollte er diese Zeit als "Irrtum" bezeichnen.

Die Angewandte wurde endlich saniert und erweitert. Künstlerischen Freigeist atmet jedoch nur einer der beiden Bauten

Eine Mikrowelle, ein Fahrrad, eine Kaffeemaschine. In Luftpolsterfolie verpackte Keilrahmen, Öl auf Leinwand. Holzlatten, Arbeitsschränke, Arbeitstische, Zettel mit Tixo an rauem Beton. Mittendrin ein zerknautschtes schwarzes Sofa. Kein Zweifel: Wer in diesen Räumen arbeitet, hat sich ein atmosphärisch ideales Umfeld eingerichtet. Wach, improvisiert, in Bewegung, ruppig, frech.

200 Meter Luftlinie entfernt: saubere weiße Wände, saubere weiße Holztür, sauberer Türgriff aus Messing, blitzblanker Parkettboden. Im Eck, vor dem Fenster, ein zerknautschtes weißes Sofa. Es wirkt etwas fehl am Platz in dieser disziplinierten Aufgeräumtheit. Ruppig ist hier nichts.

Zwei Sofas, zwei Gebäude, dazwischen der Wienfluss – und doch gehören beide zum selben Haus, der Universität für angewandte Kunst, die jetzt ihre neuen und alten Räumlichkeiten bezogen hat. Beim Festakt vorige Woche blieb auch die Vorgeschichte dieser Eröffnung nicht unerwähnt, als Rektor Gerald Bast in seiner Rede retrospektiv einen wahren Briefroman zwischen Hochschule und Politik entfaltete. Die Historie in Kürze: Dass die Angewandte an räumlicher Atemnot litt, war nichts Neues. Die letzte Erweiterung des ehrwürdigen Heinrich-Ferstel-Baus an der Ringstraße stellten Karl Schwanzer und Eugen Wörle 1960-1965 ans Ufer des Wienflusses, ein sachliches Raster aus Stahlbeton und Ziegeln, dessen industrielle Werkstatthaftigkeit durchaus ein Affront gegen den Innere-Stadt-Historismus war. Die hellen Atelierräume erwiesen sich als perfekt geeignet für die rund 500 Studierenden.

Steven Holls Loisium in Langenlois gilt als architektonisches Meisterwerk. Doch der Ort rückt immer näher. Ist die einzigartige Lage durch Zersiedelung gefährdet?

Es war ein so seltenes Ereignis, dass man es auch eine Singularität nennen konnte: Fachwelt, Laien und Besucher waren sich einmal einig, dass man es mit einem besonderen und großartigen Stück Architektur zu tun hatte. Vielleicht sogar ein Wunder, auf jeden Fall eine glückliche Fügung. Zwei lokale Weinbauernfamilien hatten den amerikanischen Architekten Steven Holl in die kleine Gemeinde Langenlois gelockt, und was Holl dort skizzierte und dann von 2003 bis 2005 mit seinen hiesigen Partnern Franz Sam und Irene Ott-Reinisch baute, war gleichzeitig ungewohnt wie ein gelandetes Raumschiff und tief im Ort verwurzelt. Eine Komposition aus Architektur und Weinbau in drei Teilen, "under, in and over the ground". Unter der Erde die Gewölbe der Weinkeller, in der Erde die Weinerlebniswelt als leicht verbeulter und zerschnittener Metallwürfel, und über der Erde das Hotel, dessen 82 Zimmer exakt über der Oberkante der Weinreben auskragen und in die sanfte Hügellandschaft des Kamptals blicken.

Heute ist das Loisium nicht nur ein überregionaler Besuchermagnet, es hat Langenlois auch einen kulturellen Schub versetzt – und spült nebenbei reichlich Gewerbesteuer in die Gemeindekasse. Fährt man heute durch den Ort, glaubt man gern, dass die Langenloiser glückliche Menschen sind. Eine für Weinbaugemeinden typische Grundzufriedenheit weht durch die Gassen, und selbst der sonst in Niederösterreichs Einfamilienhausgebieten grassierende grellfarbige Baumarktbarock ist hier kaum vertreten. Doch jetzt kommt das Glück von Langenlois wie ein langsamer Bumerang zum Loisium zurück. Schon kurz nach dessen Eröffnung wurde ein Wohngebiet westlich des Hotels in die Weinberge gebaut. Wer heute aus den Hotelzimmern im Norden und Westen schaut, sieht zwar immer noch sanfte Hügel – aber auch viergeschoßige Wohnblöcke in Orange, Weiß und Grau, nur wenige Rebenreihen entfernt.

Ein rastloser Reisender, ein Kommunikator mit Talent zum Überreden. Der Architekt Karl Schwanzer war ein intuitiver Ingenieur, der Technologie mit Lust an der Formgebung verband. Am 21. Mai wäre er 100 Jahre alt geworden

Bilder aus dem Wien der Nachkriegszeit: graubraune Fassaden und Blumenrabatten, steinerne Melancholie und Biederkeit. Dazwischen: Bilder von Schriftzügen aus Tokio, das Atomium in Brüssel, die Copacabana. Schnappschüsse von anderswo. Heute nichts Besonderes, damals müssen sie wie Postkarten aus einer fernen, aufregenderen Welt erschienen sein. Protagonist in beiden Bilderwelten: ein gedrungener Mann mittleren Alters, durchdringender Blick, mal im Anzug, mal lässig, immer mit Stil.

Erschienen sind diese Fotos jetzt dort, wo Fotos heute erscheinen: auf Instagram. Hier ist seit kurzem das private Archiv des Architekten Karl Schwanzer zu sehen, und es ist eine Fundgrube für Zeit- und Architekturgeschichte, ein Panoptikum der 1950er- bis 1970er-Jahre. Schwanzer, dessen Geburtstag sich am 21. Mai zum 100. Mal jährt, war schon früh ein Reisender. Mit 16 radelte er durch ganz Österreich, zur Matura nach Venedig. Ein Jahr nach dem Krieg saß er schon im eigenen Auto auf dem Weg nach Paris. Freischaffender Architekt. Der Beginn einer steilen Karriere, eines Arbeitslebens, das keine Pausen zu kennen schien. Als Assistent von Oswald Haerdtl an der Akademie für angewandte Kunst folgte er zunächst dessen sehr wienerischer "moderater Moderne". Doch so wie ihm das graubraune Wien bald zu klein war, wurde ihm auch das Korsett der gediegenen Interieurs zu eng. Die Moderne, die er anstrebte, war nicht moderat.