Urbane Bühnenbilder: Die Ausstellung "Anime Architektur" im Berliner Museum für Architekturzeichnung zeigt mit Originalbildern aus Animationsfilmen die Faszination japanischer Comic-Künstler für die Stadt als Setting für Utopien und Dystopien - oder beides zugleich.

Japan, im Jahre 2030: Eine Horde junger rebellischer Jugendlicher rast mit ihren Motorrädern auf unbeleuchteten und maroden Stadtautobahnen in die verbotene Zone des alten Tokio, wo seit einem Atomkrieg vor 38 Jahren nichts als ein pechschwarzer nuklearverseuchter Bombenkrater gähnt. So apokalyptisch beginnt Katsuhiro Otomos epochales Anime-Epos "Akira", das in sechs Bänden zwischen 1982 und 1990 erschien. Es gipfelt nicht weniger apokalyptisch in der physischen Verschmelzung des Antihelden mit der Stadt.

Akira läutete eine neue Ära des Animes ein, in dem Metropolen als Ort der Handlung eine tragende Rolle spielen. Eine Auswahl von Illustrationen für Anime-Filme jener Ära ist zur Zeit in der Tchoban Foundation, dem Museum für Architekturzeichnung in Berlin, zu sehen. Hier steht nun die Welt der Comics vollwertig neben Klassikern der Architekturzeichnung wie den endlosen Unterwelten in Giovanni Battista Piranesis Carceri oder den wild zersplitterten Architekturlandschaften von Lebbeus Woods.

Das neue Schaudepot soll, anders als seine Nachbarn auf dem VitraCampus, keine Ikone sein. Wie plant man ein nicht-ikonisches Gebäude?

Pierre de Meuron:

Es war von Anfang an die Herausforderung, sich zurückzuhalten. Rolf Fehlbaum von Vitra wollte zuerst etwas ganz Unsichtbares. Er wollte im Grunde gar keine Architektur. Wir haben dann unterirdische und anonyme Lösungen durchdekliniert, und haben herausgefunden: Keine Architektur, das geht nicht. Man setzt immer ein Statement. Die Frage ist eben, welches das ist. Die rechteckige Form mit dem Satteldach war für uns die richtige Antwort auf diese Frage.

Ist diese archaische Form des "Ur-Hauses" nicht selbst ein ikonisches Zeichen?

de Meuron:

Es geht einfach um grundsätzliche Fragen der Architektur: Ein Haus, ein Dach, ein Boden. Es soll aussehen, als ob es schon immer da gewesen sei.

Der Campus des Möbelherstellers Vitra hat ein neues Schaudepot für seine Designklassiker bekommen. Herzog und de Meuron inszenierten das Stuhllager als sakrale Ur-Hütte.

Wie ein Tempel unbekannter Konfession und unbekannten Alters sieht es aus. Ein millimeterdünnes schwarzes Satteldach über grob gebrochenem, leuchtendrotem Ziegel. Keine Fenster, nur in der Mittelachse eine hohe schmale Tür. Das Ganze thront auf einem erhöhten, abgetreppten Vorplatz, wie eine Kultstätte, an der Hohepriester Opfer darbringen.

Was so archaisch daherkommt, ist eigentlich etwas ganz Banales: Ein Möbellager. Aber der Vitra-Campus auf dem Firmengelände des gleichnamigen Möbelherstellers im deutschen Weil am Rhein war noch nie ein Hort der Banalität. Was als Neuanfang nach einem Brand 1981 begann, wurde unter der Leitung des Vitra-Chefs Rolf Fehlbaum zu einer Art "Stars auf der Wiese"-Schau.

Den Neubauten von Nicholas Grimshaw folgten 1989 das Vitra Design Museum von Frank Gehry und 1993 das Feuerwehrhaus von Zaha Hadid, ihr erster realisierter Bau, dem man seine 23 Jahre heute kaum ansieht. Weiteres aus der Pritzker-Preis-Liga: Eine Lagerhalle von Alvaro Siza, 2010 die hoch übereinandergetürmten schwarzen Langhäuser des VitraHaus-Showrooms von Herzog und de Meuron und zuletzt die zartweiße, runde Halle des japanischen Büros SANAA.

Die Londoner Tate Modern expandiert und wird zur New Tate Modern. Mit ihrem kantigen Turm aus Beton und Ziegeln setzen die Architekten Herzog und de Meuron dabei auch ein Zeichen gegen den Ausverkauf der Stadt

Designermöbel, wie mit dem Lineal arrangiert: Die vollverglasten Panoramawohnzimmer sind so perfekt, dass sie wie übereinandergestapelte Schaufenster wirken. Wer hier wohnt, zeigt, was er hat, Geschmack aus dem Katalog. Das Penthouse in den Luxustürmen von Neo Bankside in zweiter Reihe am Südufer der Themse, entworfen von Richard Rogers, kostet rund 27 Millionen Euro. Von vielen Londonern scharf kritisiert als Paradebeispiel einer Entwicklung des Wohnens vom Grundbedürfnis zur Währung für Spekulanten, ist nur eines von vielen spiegelverglasten Investorenprojekten an der South Bank, allesamt überragt von der 310-Meter-Pyramide des "Shard".

Doch jetzt haben die Bewohner von Neo Bankside einen neuen Nachbarn bekommen: die Londoner Öffentlichkeit. Denn genau zwischen ihren Sofas und dem Flussufer liegt die Tate Modern, seit dem Jahr 2000 in der wuchtigen Industriekathedrale des ehemaligen Bankside-Kraftwerks aus den 1950er-Jahren untergebracht. Ein Erfolg von Anfang an, mit fünf statt der erwarteten zwei Millionen Besucher pro Jahr. Schon 2004 war klar, dass man expandieren musste. Der einzig mögliche Ort dafür: im Süden der großen Turbinenhalle, die sich als halböffentlicher Vorraum der Kunst einen festen Platz im Londoner Leben erobert hat. Dort, wo im Untergeschoß zwei riesige runde Öltanks schlummern, erhebt sich jetzt ein zehngeschoßiger Anbau: die New Tate Modern, die gestern, Freitag, nach sechs Jahren Bauzeit eröffnet wurde. Die schon für den Altbau verantwortlichen Schweizer Architekten Herzog und de Meuron hatten zwar zuerst einen wilden Stapel verglaster Boxen vorgesehen, doch als sie sahen, wie ringsum die verspiegelten Luxustürme aus dem Boden schossen, entschieden sich die Architekten für eine Kehrtwende.

Die japanische Pritzkerpreisträgerin Kazuyo Sejima, die ab Herbst Professorin an der Universität für angewandte Kunst in Wien sein wird, achtet mit ihren Bauten die Umwelt auf ganz eigene Weise, wie sie im Interview erklärt

Seit 1995 leitet Kazuyo Sejima mit ihrem Partner Ryue Nishizawa das Büro SANAA. 2010 wurde ihnen gemeinsam der Pritzkerpreis verliehen. Ihre Bauten wie das Museum des 21. Jahrhunderts in Kanazawa, das New Museum in New York oder die kleinen Kunsträume, die sie in einem Langzeitprojekt auf der Insel Inujima verteilt, zeichnen sich durch Helligkeit und Leichtigkeit aus und scheinen manchmal ganz in der Landschaft verschwinden zu wollen. Diese Woche war Kazuyo Sejima als Ehrenpräsidentin der Jury des Blue Award in Wien.

Der dieses Jahr zum vierten Mal vergebene, von der TU Wien ausgeschriebene internationale Studentenwettbewerb zeichnet Beiträge zur Nachhaltigkeit in Architektur und Stadtplanung aus, der Gewinner des Blue Award 2016 wird im August bekanntgegeben. Mit dem STANDARD sprach Kazuyo Sejima, die ab Herbst eine ordentliche Professur an der Wiener Universität für angewandte Kunst antreten wird, über die japanische Art des nachhaltigen Bauens und die Harmonie von Haus und Umgebung.

Die 1965 von Architekt Rolf Gutbrod erbaute Deutsche Botschaft in Wien ist ein leichtfüßiges Meisterwerk der Nachkriegsmoderne. Jetzt wird sie abgerissen.

Metternichgasse, Wien, 3. Bezirk: Im Botschaftsviertel um diese nach dem Urvater europäischer Diplomaten benannte Gasse gruppieren sich standesgemäß die steinernen Repräsentanzen von Russland, China, und Großbritannien, der halbe Globus residiert gleich ums Eck. Doch mittendrin in dieser wie ein Echo des "langen 19. Jahrhunderts" gemahnenden Nationalparade klafft eine grüne Lücke: ein graugrünes Ensemble ganz ohne Schaufassade, das mehr zum Park als zur Straße gehören und scheinbar gar nicht pompös beeindrucken will: die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland.

Von 1959 bis 1965 erbaut, steht sie für eine Architektur, mit der sich die junge Republik der Welt demokratisch, aufgeklärt und humanistisch präsentierte. In den Nachkriegsjahren fungierte die internationale Moderne als Läuterung vom Albert-Speer-Gigantismus der Nazizeit, und Botschaftsbauten trugen dieses bescheidene Selbstverständnis in die Welt.

Sie verschoben den Schwerpunkt vom Repräsentativen zum Administrativen und verknüpften souverän-mondän den Staat zu Hause mit dem Standort vor Ort. Den Anfang machte 1962 Johannes Krahns Corbusier-Hommage in Neu-Delhi, gefolgt vom feinen Gitterwerk von Egon Eiermanns Botschaftsbau in Washington 1964 und dem tropisch-erdig eingefärbten Ensemble, das Hans Scharoun 1971 auf den Dschungelboden von Brasília setzte.

Fast unbemerkt ist eine noch junge Ikone der Architektur zerstört worden. Kein gutes Omen für das leichte Bauen in Zeiten der Schwere.

Viel zu früh. Das war, auch unter ihren zahlreichen Kritikern, der einige Tenor nach dem unerwarteten Tod von Zaha Hadid. Auf der Höhe ihres Ruhmes, mit so vielen noch unfertigen, ungebauten und unerdachten Bauten im Portfolio. Ein abruptes, hartes Ende für die so vitalen, fließenden und tanzenden Formen.

Bei aller Trauer um den Verlust dieser fast überlebensgroßen Figur, die den Architekturdiskurs der letzten Jahre auch in der Öffentlichkeit bestimmt hatte, war ein anderes abruptes Ende eines Tanzes fast unbemerkt vor sich gegangen. Im Jänner dieses Jahres war Rem Koolhaas' Nederlands Dans Theater (NDT) in Den Haag dem Erdboden gleich gemacht worden, und das im jungen Alter von gerade mal 29 Jahren.

Eines der ersten größeren Werke seines Büros, war das NDT bei seiner Fertigstellung 1987 schon eine Ikone. Eine bunte, metropolitane Collage, spielerisch, provokativ, und frisch wie ein gerade gebackenes Semmerl. Eine Feier der Leichtigkeit, der Veränderung, des Optimismus. Noch dazu war der ursprünglich für die Küstenpromenade vorgesehene Theaterbau äußerst kostengünstig, und der Saal für Tanzaufführungen hervorragend geeignet. In seiner Anordnung war das NDT maßgeschneidert für seinen Ort, und gleichzeitig von Anfang an etwas fehl am Platz in der seltsam formlosen Bürokratiewüste der Verwaltungsstadt Den Haag.

Zurück an den Start: Der umstrittene Turmbau beim Eislaufverein wurde abgesagt. Es bleiben viele Fragezeichen.

Eine Vollbremsung auf spiegelglattem Eis resultiert in der Regel in einem Umfaller. Exakt dieses Manöver legte vorige Woche die Stadt Wien auf dem Areal des Wiener Eislaufvereins hin: Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou verkündete, dass die umstrittene Planung von Developer Michael Tojners Wertinvest und Architekt Isay Weinfelds Hochhausentwurf vom Fachbeirat für Architektur und Stadtgestaltung abgelehnt worden sei, und erteilte der dafür notwendigen Änderung des Flächenwidmungsplans eine Absage. Was als Paarlauf zwischen Stadt und Investor begann, endet nun in einem abrupten Bauchfleck. Es sei, so Vassilakou, für alle Beteiligten eine „Denkpause“ angebracht. Dieser Abpfiff bedeutet jedoch in jedem Fall das Aus für den 73-Meter-Turm. Auf den Zuschauerrängen der Gegentribüne dürften jetzt nicht wenige Sektkorken knallen.

Der Stadtsoziologe Jens Dangschat erklärt, was die Architektur für die Integration leisten kann

Städte leben von der Zuwanderung. Doch wie und wo in der Stadt funktioniert die Integration – und wo nicht? Im Gemeindebau, im öffentlichen Raum oder doch besser im Containerdorf irgendwo im niederösterreichischen Gewerbegebiet? Wie sichtbar oder unsichtbar soll das Fremde in der Stadt sein? Auch in der Architektenschaft wird engagiert nach Lösungen gesucht.

Der Soziologe Jens Dangschat forscht seit langem zum Zusammenleben in Städten und erarbeitet zurzeit mit seinen Studenten an der TU Wien Ideen zum Thema "Zuwanderung, Flucht, Identität und öffentlicher Raum". DER STANDARD traf ihn im Mobilen Stadtlabor der TU Wien, das derzeit auf einer asphaltierten Brachfläche in St. Marx Station macht.

Die Stadt an sich gilt seit jeher als "Integrationsmaschine" für Zuwanderer. Kann sie diese Rolle heute angesichts der emotionalen Flüchtlingsdebatten noch erfüllen?

Dangschat: So einfach ist es nicht. Die Stadt war immer nur dann eine Integrationsmaschine, wenn der städtische Arbeitsmarkt Leute brauchte. Aber im Moment gehen Stadtgesellschaft, Stadtpolitik und der städtische Arbeitsmarkt auf diese Leute nicht gerade mit offenen Armen zu. Der bezahlbare Wohnraum wird immer knapper, dazu kommen Verteuerung und Gentrifizierung. Noch schwieriger wird es, wenn die Stadtgesellschaft nicht mehr urban, offen und neugierig ist und sich gewissen sozialen Gruppen gegenüber skeptisch zeigt. Im Moment ist die Integrationskraft der Städte ins Straucheln geraten.