Schwefel und Schatten

Die Sakura, also Kirschblüte, ist hier gerade voll im Zenit, wie man dem Sakurawetterbericht im TV, der täglich die Position der Sakurafront verkündet, sowie der knallharten botanischen Realität entnommen hat. Ganze Kirschbaumschwärme besiedeln den Berghang zwischen dem quirligen Strandbeppu und dem permanent dampfenden Bergbeppu. In zunehmendem Halbtrance torkelt man durch weißgepixelte Psychedelik. Und natürlich durch Dampf.

 

Fernsehbilder in X-Large auf allen Fassaden, riesige Kräne, die erdbebensichere Stahlträger in die Höhe heben, 24/7-Drogerien in grellsten Farben, Millionen von unverständlichen Zeichen auf Schaufenstern und Produkten, dumpfes Grollen aus den Pachinkohallen, das für Sekunden auf Düsenjetlautstärke springt, wenn jemand die Tür zur Straße öffnet, Treppen nach unten zu den Bars, Treppen nach oben zu den Bars, Members Only, auf jeder schmalen Parzelle ein achtstöckiges Haus mit übereinandergestapelten Bars, nur ein Zimmer gross, an der Fassade ein schmales hohes Schild, darauf Stockwerk und Barname, 1F bis 8F, alle mit Einwortnamen, mehr passt nicht auf die Schilder, ein paar Meter weiter das nächste, hunderte Meter geht das so, und in allen Quer- und Parallelstraßen auch, in ganz Umeda, und das ist nur eines von zwei riesigen Ess- und Ausgehvierteln in Osaka, das andere, Shinsaibashi, ist doppelt so groß.

Kräne im Lärm

Das erste, was man nach der Ankunft in Shanghai zu tun hat, ist, alle Reiseführer wegzuwerfen. Egal welche, egal wie aktuell, sie sind komplett sinnlos, weil die Angaben darin gerade mal ein paar Tage Gültigkeit haben, da das Shanghai zur Zeit komplett durch ein neues ersetzt wird. Die alte Millionenstadt gefiel ihnen wohl nicht, also haben sie sich einfach eine neue gekauft. Der tolle Xiangyang-Raubkopienflohmarkt - weg; die ganz neue Kneipenmeile - Brachland; der Gemüsemarkt - Baustelle; alles, was nicht Hochhaus ist, wird abgerissen und durch Hochhäuser ersetzt, geht man zu Fuss durch Shanghai, hofft man, dass zumindest der Weg vor einem nicht in den nächsten Sekunden verschwindet wie alles andere.

Gymnastikgreise in Gärten

“Rrrrcchhhh-F’T!”

Vor dem Herumspucken hatte man mich gewarnt, aber Grund zum Augen- und Ohrenzuhalten gibt es nur bedingt, vielleicht hält man sich olympiabedingt zurück. Erstaunt bin ich aber, dass auf innerchinesischen Flügen freudig und frequent in innerchinesische Flugzeuge hineingerotzt wird.

Nun gut, vielleicht lautete der unentzifferbare Slogan der innerchinesischen Fluglinie dann doch “We put the Speib back in ‘Speibsackerl’” und nicht, wie vermutet “Auch unsere Flughäfen und Flugzeuge sind, wie Bahnhöfe und Bahnen, brandneu und blitzblank, sie werden ja auch alle drei Jahre weggeworfen und durch noch neuere und blitzblankere ersetzt. Und wie findet ihr unsere wie frischgemacht schmeckenden, interessant gefüllten Teigtaschen in apart designten Pappschachteln? Gut, oder? Xiexie for flying with Name vergessen Airlines.”

 “Our brand new aircraft is now approaching the brand new Nanjing Airport.”

“Rrrrcchhhh-F’T!”

 

Raupen im Schneematsch

Das hat nun also alles erstaunlich gut funktioniert. Jetzt kann schon Entlegeneres, Östlicheres, Chinesischeres und Befremdlicheres kommen. Und so gerät man im mit etwa einer Million Menschen durchschnittlich belebten Pekinger Hauptbahnhof in den Zug nach Shenyang, in dem sofort ein weiteres China-Vorurteil leise zerbirst.

Die Züge sind die besten Züge der Welt, blitzschnell, leise, perfekt gefedert, mit einer völligen Abwesenheit von Pastelltönen in der Innenausstattung gesegnet, man bekommt gratis Wasserflaschen gereicht, und alle Sitze lassen sich um 180 Grad drehen, so dass man nie gegen die Fahrtrichtung sitzen muss. Esst euer Herz aus, Bahnchefs der westlichen Welt!

Bevor neues Zeugs im Kapitel “Über Orte” dazukommt, wird erst mal altes rausgehauen. Das hier und die folgenden Chinatexte sind aus dem Jahr 2008.

 

Vorher Nachher Bilder

Jeder macht sich, bevor er auf Reisen geht, ein Bild von seinem Ziel, einer Stadt, in der er noch nie vorher war. Dieses Bild ist ein Destillat aus Zeitungslektüren, Klischees und Stereotypen, Erzählungen von Freunden, Schlagworten aus Reiseführern, und herbeigegoogelten Bildern, das sich zu einer Topographie formt, einem dreidimensional zusammengepuzzelten Gesamtbild eines Ortes, das so nur im eigenen Kopf existiert, und das unwiederbringlich verdampft, sobald man am realen Ort eingetroffen ist.

So wie man ein Buch nie mehr unvoreingenommen lesen kann, sobald man den Film dazu gesehen hat, lässt sich dieses Bild nie wieder rekonstruieren. Ausser, man schreibt es vorher auf und kann dann vergleichen. Im Falle von China waren die Stereotypen eindeutig definiert, und eigentlich wollte ich da auch gar nicht hin.

Die Halbinformationen, die über die Jahre aus Medien und Freunden herausquollen, ergaben ein Destillat, das sich mit den Begriffen “mühsam, undurchdringlich, Smog, grau, Herumgespucke, Angestarrtwerden, Repressionen, quäkende Musik, Nichtvorhandensein von Hilfsbereitschaft, Todesstrafe” zusammenfassen ließ. Wenn aber das Weltgefüge einem den Teppich zu einem kleinen Ausflug ausrollt,  guckt man aber dann doch, wie China so ist.

Der 56jährige Deutsche Peter Wawerzinek gewann zurecht den Bachmannpreis. Die Österreicher gingen leerer aus als verdient.

“Was machst du gerade, Schatz?“ – „Ach, ich schreibe nur eine Parabel auf meine Generation”. Diesen Dialog wird man in Schriftstellerwohnzimmern niemals hören, denn kein Mensch schreibt Parabeln auf Generationen.

Weil heute die Tage der deutschsprachigen Literaur, vulgo “Bachmannpreis” in Klagenfurt, eröffnet werden, hier ein uralter Text aus dem Jahr 2004, eine Uraltness, die sich durch das lebendige Herumspringen Jörg Haiders im Text schwer verbergen lässt.

Der junge Herr in der dunklen Jacke mit der Mappe unterm Arm drückt auf den Klingelknopf und wartet auf Antwort, sein unsagbar verlorener Blick seitwärts die Promenade hinauf zeigt, dass er jetzt gerne ganz woanders wäre. *Krks*  “Bitte?”, knarzt es aus dem Torpfosten.

“Ja, Grüß Gott, Tele2 Mobilfunk, wir hätten gerne mit Ihnen über unsere Angebote gesprochen”. Ich erinnere mich an ein halbstündiges Abwehrgefecht mit zwei traurigen aber hartnäckigen Tele2-Gestalten an meiner Tür, und mein Mitleid schwindet rapide, aber verstehen kann ich es schon, dass man woanders sein will, wenn man sich gerade in Klagenfurt befindet.

Aber ab und zu zieht einen etwas aus der Hauptstadt hinaus, in Orte, deren Namen sich anhören, als wären sie der Donald-Duck-Übersetzerin und Onomatopöie-Queen Dr. Erika Fuchs beim Besuch eines Sägewerks eingefallen, man denke nur an SCHRUNS-TSCHAGGUNS. Das gibt einem unter anderem Gelegenheit, an der Autobahnraststätte Bad Fischau die von F.Hundertwasser gestaltete “Erlebnis-Toilette” zu besuchen; der erklärte Feind alles Geraden hat sich jedoch nur im Eck unter den Waschbecken getraut, den Fußboden etwas anzuwölben, wohl damit kein übermüdeter LKW-Fahrer erlebnisüberlastet auf die bunten Fliesen knallt.
Danach durchquert man leeres Hügelland mit lustigen Schildern wie “Pinkafeld - schönste Stadt Europas”. Ob in oststeirischen oder südburgenländischen Reiseführern Venedig als “Pinkafeld des Südens” bezeichnet wird?

Eine Ausstellung in der Galerie Westlicht zeigt mit dem Archiv des Fotostudios Simonis einen einzigartigen Querschnitt durch die feine Wiener Gesellschaft der Nachkriegszeit

Als Christof Stein vom Design- und Antiquitätengeschäft Lichterloh 2005 im Auftrag des Dorotheums die Studios des soeben in Konkurs gegangenen Ateliers „Photo Simonis“ in der Währinger Straße 12 besichtigte, kam er aus dem Staunen nicht heraus: Er fand Kulissen mit Stephansdom- und Riesenradmotiven aus den 1950ern; hier waren offenbar alle Requisiten seit Jahrzehnten konserviert worden. Doch das war noch nicht alles. Als ihn die 85-jährige Rosalia Waringer, Lebensgefährtin und Alleinerbin des Firmeneigners Heinz Simonis, ins Archiv führte, sagte sie entschlossen: „Und das, das müssen’s alles vernichten!“

Die Kuranlage aus den 70ern verschwindet, und mit ihr der Name -  im September eröffnet die neue „Therme Wien

Drei Favoritner Frühpensionisten sitzen gemütlich in „Jonny’s Imbiss“ neben der Endschleife des 67er hinter ihrem Milchrahmstrudel, während nur wenige Meter neben ihnen die Presslufthämmer schon dröhnend und staubend an der letzten Substanz der Therme Oberlaa nagen. Vor dem Eingang der Kurkonditorei lugen zwei Burschen durch den Bauzaun und urteilen  anerkennend: „Schaut urscharf aus!“ Scharf sind sie in der Tat, die Kanten der neuen Therme WienMed, die als erster Teil des neuen Thermenkomplexes bereits seit Jänner eckig und luftig aus dem Hang des Laaerbergs ragt. In der „Café-Lounge“ im dortigen Foyer sitzt schon die Vorhut von blondierten Pensionistinnen auf weiß gemusterten Designersesseln in erhabener staubfreier Ruhe vor ihrem Karottenshake und unterhält sich über  Malaisen im Bekanntenkreis.