Wang Shu wurde am Freitag als erstem Chinesen der Pritzker-Preis verliehen. Ein Gespräch über die Gefahren des Baubooms und die Poesie chinesischer Gärten

STANDARD: Im Februar wurde Ihre Kür zum Pritzker-Preis-Träger bekanntgegeben. Hat sich Ihr Leben seitdem verändert?

Wang: Mein Leben ist noch genau dasselbe. Doch in China wurde der Preis sehr genau registriert. Sie müssen wissen, dass Architektur in China erst in den 1990er-Jahren überhaupt in den Medien beachtet wurde. Die Öffentlichkeit hat sich bisher jedoch fast gar nicht dafür interessiert. Das ändert sich gerade.

STANDARD: Wie reagieren die Architekten auf diese Resonanz?

Wang: Die jungen Architekten sind von dieser Aufmerksamkeit natürlich begeistert. Und die älteren, die in den Planungsstellen im System arbeiten, wachen langsam auf und beginnen zum ersten Mal, Kritik an der Überkommerzialisierung unserer Städte zu üben.

STANDARD: Das heißt, die Architekten haben bisher geschlafen?

Wang: Ja. Die heutigen Architekten sind eine Generation, die ihre kulturelle Identität und ihre Fähigkeit, Dinge historisch einzuordnen, verloren hat. Der Grund dafür ist, dass die Entwicklung viel zu schnell vorangeht und man vor lauter Zeitmangel die wichtigen Probleme immer weiter aufschiebt. Ein zweiter Grund ist die Kommerzialisierung und Politisierung. Die massive Verstädterung und Bauwut haben das harmonische Zusammenleben und die gewachsene Kultur nahezu zerstört.

Die Ausstellung "Hands-on Urbanism" im Architekturzentrum Wien zeigt die Geschichte der Landnahmen von unten und die wiederkehrende Aufblühen des Informellen als städtische Überlebenstechnik in Krisenzeiten.

Die große Halle des Wiener Architekturzentrums ähnelt zur Zeit mehr einem Gartencenter als einem Museum. Es grünt in allen Ecken, es wird eifrig gegossen, gepflanzt und getopft. Zwischen der üppigen Botanik bietet sich eine Vielzahl kleiner, auf Bauzäune montierter Tafeln zum Thema "Recht auf Grün", dem Untertitel der Ausstellung. Eine, die man sich erarbeiten muss. Großformatige Hochglanzfotos, auf denen sich das Auge ausruhen kann, sind hier nicht zu finden. Dafür eine Fülle an Informationen zu kaum bekannten Beispielen für Städtebau von unten, für die Aneignung urbanen Freiraums durch die Bürger. Die von Kuratorin Elke Krasny ausgewählten Beispiele führen von den Anfängen der Schrebergärten in Deutschland und Österreich Mitte des 19.Jahrhunderts über kooperatives Schrottsammeln in Porto Alegre bis zum Kampf um finanziell und landwirtschaftlich lukrativen Boden im heutigen Hongkong.

Traum ist in der kleinsten Hütte: Als Folge der Krise erleben Minihäuser eine weltweite Renaissance, wie das Small House Movement zeigt.

"Ich hatte drei Kalksteine auf meinem Pult liegen, fand aber zu meinem Entsetzen, dass sie tägliches Abstauben benötigten, während mein geistiger Hausrat noch unabgestaubt dastand, und voller Abscheu warf ich sie zum Fenster hinaus." Mit diesen Worten beschrieb Henry David Thoreau in Walden, oder Leben in den Wäldern 1854 das konsequente Ausmisten alles überflüssigen persönlichen Besitzes beim Bau seiner asketischen Eigenbau-Holzhütte am Ufer des Walden Pond in Massachusetts. Als Dauermöblierung verblieb: Herd, Tisch, Bett, drei Stühle. Wohnfläche: 15 Quadratmeter. Die Kosten dafür, von Thoreau akribisch festgehalten: 28½ Dollar. Naturbetrachtung, unverfälschtes Erleben, klares Denken, das war allemal wichtiger als das Anhäufen toter Dinge als Besitz und Statussymbol.

Bombenentschärfung, Bosonen und Büffets: Bei der Langen Nacht der Forschung herrschte trotz Sommertemperaturen ungebremster Wissensdurst.

"Habt ihr schon mal von Interpol gehört?" Die zwei Heranwachsenden schütteln den Kopf. "Also: Stellt Euch vor, Mr.Smith hat in Amerika einen Banküberfall verübt..." hebt der nette Beamte in Märchenonkelstimme an, und die Jungs hören gebannt zu. Fünf Uhr nachmittags, zu Beginn der Langen Nacht der Forschung, ist im schummrigen Foyer des Bundeskriminalamts mächtig was los, und das obwohl draußen mit aller Macht der Sommer ausgebrochen ist.

Neben einer Glasschüssel mit Köder-Zuckerln werden Fingerabdrücke mit Kohlestaub bepinselt, die Kleinsten versuchen, Inspektor Maulwurf beim Lösen eines Felldiebstahls zu helfen, gegenüber werden die etwas Älteren mit lustigen Büchlein (verheißungsvolles Kapitel: "Wastl auf dem Datenhighway") zur Vorsicht im Internet angehalten, und die ganz Alten verwickeln die Beamten in längere Gespräche über Einbruchsprävention. Neben zwei futuristischen Bombenentschärfungsrobotern wartet Falschgeldspürhund "Argon" schon unruhig scharrend auf seinen Einsatz: Ihm steht noch eine lange Nacht des Banknotenschnüffelns bevor.

Eine Ausstellung in Dornbirn zeigt den pragmatischen Surrealismus des hochproduktiven flämischen Architektentrios De Vylder Vinck Taillieu

Die Belgier, behauptet ein populäres Sprichwort, würden mit einem Ziegelstein im Magen geboren. Was weniger auf eine Vorliebe für schwerverdauliche Mahlzeiten als einen Drang zum Aufbauen und Besitzen von Eigenheimen in diesem Land anspielt. Dank der sehr liberalen Bauvorschriften mitunter eine Lizenz zum Chaos: Das Weichbild aus wild durcheinandergewürfelt in der Landschaft herumstehenden Häusern und Häuserzeilen, gerne mit Fliesen und Klinkern in Nikotingelb und Schmutzweiß verkleidet, hat schon manch einen Belgienurlauber verstört.

Eine Spielwiese für schrullige Selbstbauer - aber ein Mekka für Architektur? Bei Mode und Design ist Belgien seit den 1980er-Jahren avantgardistisch vorne dabei, bei den Baumeistern fällt das Land in der internationalen Wahrnehmung zwischen den emsigen Niederländern und den flamboyanten Franzosen oft durch den Rost.

Dabei hat sich hier parallel zu den Moderevolutionären wie den "Antwerpener Sechs" eine kleine, aber aufregende Architekturszene verfestigt, die zwar keine Weltstars gebärt, dafür in erfrischender, bisweilen ruppiger Sprödigkeit immer wieder zu überraschen weiß - passend zu diesem komplizierten Land mit seinen inneren Verwerfungen.

Das Museo Casa Enzo Ferrari verkörpert das Vermächtnis der Automobil-Ikone. Und auch das seines eigenen Architekten

Museumsdirektorin Adriana Zini legt letzte Hand an. Mit prüfendem Blick steht sie vor der Staffelei mit dem Foto des älteren Mannes mit faltigem Charaktergesicht und weißem Haar, der ganz in Schwarz gekleidet barfuß auf dem Boden sitzt: Jan Kaplický, der Architekt ihres Museums. Wenn das Erste, das man beim Betreten eines Gebäudes sieht, ein Porträt seines Erbauers ist, platziert vom Bauherrn selbst, dann muss schon eine seltene Verbundenheit dahinterstecken.

Es ist die Verbundenheit der Biografien zweier markanter Männer, von der das Museo Casa Enzo Ferrari in Modena, das am 12. März eröffnet wurde, erzählt. Die des illustren Motormagnaten, um dessen schlichtes Geburtshaus sich der Neubau mit konkavem Schwung respektvoll schmiegt, und die des Architekten vom Londoner Büro Future Systems.

Als dieses den Wettbewerb für den Neubau zwischen Bahnlinie und Stadtzentrum mit dem Entwurf eines geflügelten Dachs gewann, das mit seinen zehn Lüftungsschlitzen die Karosserie eines Rennwagens evozierte, war dies ein Ergebnis, wie es logischer und zwingender nicht sein konnte. Schließlich hatten Future Systems von allen Hightech-verliebten Formfindern schon immer die elegantesten Kurven im Stall.

Städte sind nicht nur materielle, sondern auch intellektuelle Ressourcen. Doch welche Idee von Stadt hat die Smart City Wien eigentlich? Und wie sieht sie aus?

Eine einstündige Führung durch das MediaLab am MIT in Cambridge, Massachusetts, und man ist restlos bedient und hängt ehrfurchtsvoll erschöpft in der Ecke. “Aha! Hier wird also alles erfunden, was es auf der Welt gibt”, denkt man, überwältigt von der Konzentration von Forschung, Innovation, Ideen, und natürlich auch sehr, sehr viel Geld auf erstaunlich winzigem Raum. Roboter hier, intelligente Textilien da, und ganz hinten die Abteilung Senseable Cities, die der vernetzten Stadt der Zukunft auf der Spur ist. Kein Wunder, dass das MIT im Times Higher Education World Reputation Ranking 2012 auf Platz 2 hinter Harvard gereiht wird. Die Wiener Hochschulen sind, wie hierzulande schlagzeilenträchtig bemerkt wurde, aus den TOP 100 herausgefallen.

Pur, klar und respektvoll gegenüber der atemberaubenden Bergkulisse: Die Meisterwerke zeitgenössischer Kellerei-Architektur in Südtirol verkünden das Ende des Jodelstils. Traditionsbewusst sind sie dennoch.

Der Beruf des Kellermeisters muss wohl einer der beneidenswertesten der Welt sein: Ein Alchimist des Genusses, der aus Wurzel, Rebe, Boden und Klima mit feinfühligem Forscherwissen hier optimierend, da probierend, ein perfektes flüssiges Resultat destilliert. Ganz ähnlich der Architekt. Auch sein Werk ist – im Idealfall – ein harmonisches Ergebnis der Landschaft und des Klimas, an dem es entsteht. Beide nützen die Gesetze von Mechanik, Chemie, Physik und Biologie, um die Haltbarkeit und Reife ihres Werkes zu vervollkommnen.

Folglich müssen Kellermeister und Weingutbesitzer die idealen Kunden des Architekten sein. Zumal die Traube auf ihrem Weg zum Wein eine ganze Abfolge von Räumen durchläuft, die ihre eigenen Anforderungen haben an Licht, Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Kein Architekt, der bei einer solchen Aufgabe nicht genüsslich mit der Zunge schnalzt.

Tatsächlich ist die erstaunliche Entwicklung, die der Weinbau in Südtirol in den letzten Jahrzehnten zurückgelegt hat, Hand in Hand mit einem Aufblühen der Baukunst gegangen. Wo die neue Winzergeneration von Quantität zu Qualität umgeschwenkt ist und heute die richtige Rebe dem richtigen Boden zuordnet, statt wie früher fast schon wahllos auszubauen, hat sich ein weiterer Wandel vollzogen: In einer Region, in der früher Hotelburgen hochgezogen wurden, pflegen Architekten nun einen respektvollen Umgang mit der Landschaft und greifen vor Ort auf Materialien aus lokaler Produktion zurück. So ist Südtirol zu einem Magneten für Wein- wie Architekturbegeisterte gleichermaßen geworden.

In der schmalen Lücke zwischen zwei Altbauten will sich die Universität für angewandte Kunst in Wien erweitern. Die prämierten Vorschläge wirken wie Raumschiffe aus einer längst vergangenen Zeit und zeigen das Dilemma vom Vermarktungsdruck im Weltkulturerbe.

Die Erfolgsgeschichte ist so lang wie die Liste ihrer großen Namen. Die Wiener Universität für angewandte Kunst, kurz: „die Angewandte“, hat die Kunst und die Architektur der letzten 150 Jahre weltweit geprägt. Otto Wagner, Josef Hoffmann, Oskar Kokoschka und Gustav Klimt haben in dem 1877 von Heinrich Ferstel errichteten Bau an der Ringstraße studiert oder gelehrt – trotz des historistischen Dekors im Kern eine nüchterner Abfolge orthogonaler Raumkuben,  war und ist er dafür bestens geeignet. Ihre nicht weniger renommierten Nachfolger bekamen 1965 einen weiteren Zweckbau, der einen schmalen Hof als Restfläche hinterließ. Architekt Karl Schwanzer hatte ihn als Hochregallager aus gestapelten Ateliers ans Ufer des Wienflusses gesetzt. Und auch dieser Bau funktionierte vorzüglich. Hier brüteten die Protagonisten des Wiener Aktionismus in den späten 60er Jahren ihre subversiven Happenings aus, mit denen sie das verschlafene Nachkriegs-Österreich in Aufruhr versetzten.

Architekt Shigeru Ban ist mit Leichtbaukonstruktionen aus Papier weltweit bekannt geworden - Wie er jetzt den Tsunami-Überlebenden hilft

 

Was hat Sie als etablierten Architekten dazu bewogen, ein Netzwerk von freiwilligen Architekten zu gründen und sich der Katastrophenhilfe zu widmen?

Shigeru Ban: Ich war von meinem Berufsbild als Architekt enttäuscht. Wir Architekten arbeiten fast immer für die Privilegierten. Sie haben Geld, Macht oder beides und beauftragen uns, ihnen Denkmäler zu bauen, die diese Macht symbolisieren. Das war schon immer so. Mein Büro tut das genauso - im Moment bauen wir zum Beispiel ein Museum. Aber ich möchte meine Erfahrung auch für die Allgemeinheit nutzen. Das ist unsere Verantwortung! Wenn eine Naturkatastrophe passiert und in kurzer Zeit Notunterkünfte benötigt werden, ist von den Architekten meistens weit und breit niemand zu sehen. Dabei könnten wir hier vieles verbessern, wenn wir helfen. Also sollten wir das tun.