Das Designduo Dottings denkt Einfachstes neu. Pünktlich zur Vienna Design Week kommen nun Töpfe für Riess Email auf den Markt. Ausgerechnet? Typisch!

Produktdesign, so die grob vereinfachte landläufige Meinung, macht Dinge neu und besser oder lässt sie zumindest neu und besser aussehen, damit die Menschen sie kaufen. Aber was gibt es an einem Produkt, dessen Markteinführung in etwa auf das Neolithikum datiert, noch zu verbessern? Die Rede ist hier vom Kochtopf. Hat die Menschheit in den über 10.000 Jahren des Hantierens mit Töpfen und den dazugehörigen Deckeln nicht das Prinzip „rundes Kochgefäß“ längst perfektioniert?

Mit dem Eiermuseum in Winden am See, errichtet vom Architekturbüro gaupenraub, macht sich Bildhauer Wander Bertoni das schönste Geschenk zum 85. Geburtstag.

Der neueste Eintrag im Katalog trägt die Nummer 3627. Material Holz, Farbe Rot, Herkunft Moskau. Ein Ei. Wander Bertoni hat es vor wenigen Tagen von einer Russlandreise mitgebracht und wie alle anderen Eier in akkurater Handschrift in seinem karierten Heft archiviert.

Die Nobelshopallee Ginza ist am Sonntag für Fussgänger reserviert. Alle schweben wie auf Schienen über den sauberen schwarzen Asphalt. Wo Autos fahren dürfen, ist es genauso leise, denn die Autos schweben auch. An keinem Fahrzeug ein Staubkorn, auch Last- und Lieferwägen glänzen keimfrei. Aus den offenen Türen der Geschäfte dringt hochfrequenziger Begrüssungs-, Bedankungs- und Entschuldigungs-Singsang. Dazu an jeder Ampel melodisches Blindenleitgepinge. Kein Wunder, ist ja auch jeder, aber auch jeder Gehweg mit Blindennoppen und Blindenrillen ausgestattet. Durch diesen singenden und pingenden Teppich gleitet man, gefühlte 30 Zentimeter über dem Boden.

Schwefel und Schatten

Die Sakura, also Kirschblüte, ist hier gerade voll im Zenit, wie man dem Sakurawetterbericht im TV, der täglich die Position der Sakurafront verkündet, sowie der knallharten botanischen Realität entnommen hat. Ganze Kirschbaumschwärme besiedeln den Berghang zwischen dem quirligen Strandbeppu und dem permanent dampfenden Bergbeppu. In zunehmendem Halbtrance torkelt man durch weißgepixelte Psychedelik. Und natürlich durch Dampf.

 

Fernsehbilder in X-Large auf allen Fassaden, riesige Kräne, die erdbebensichere Stahlträger in die Höhe heben, 24/7-Drogerien in grellsten Farben, Millionen von unverständlichen Zeichen auf Schaufenstern und Produkten, dumpfes Grollen aus den Pachinkohallen, das für Sekunden auf Düsenjetlautstärke springt, wenn jemand die Tür zur Straße öffnet, Treppen nach unten zu den Bars, Treppen nach oben zu den Bars, Members Only, auf jeder schmalen Parzelle ein achtstöckiges Haus mit übereinandergestapelten Bars, nur ein Zimmer gross, an der Fassade ein schmales hohes Schild, darauf Stockwerk und Barname, 1F bis 8F, alle mit Einwortnamen, mehr passt nicht auf die Schilder, ein paar Meter weiter das nächste, hunderte Meter geht das so, und in allen Quer- und Parallelstraßen auch, in ganz Umeda, und das ist nur eines von zwei riesigen Ess- und Ausgehvierteln in Osaka, das andere, Shinsaibashi, ist doppelt so groß.

Kräne im Lärm

Das erste, was man nach der Ankunft in Shanghai zu tun hat, ist, alle Reiseführer wegzuwerfen. Egal welche, egal wie aktuell, sie sind komplett sinnlos, weil die Angaben darin gerade mal ein paar Tage Gültigkeit haben, da das Shanghai zur Zeit komplett durch ein neues ersetzt wird. Die alte Millionenstadt gefiel ihnen wohl nicht, also haben sie sich einfach eine neue gekauft. Der tolle Xiangyang-Raubkopienflohmarkt - weg; die ganz neue Kneipenmeile - Brachland; der Gemüsemarkt - Baustelle; alles, was nicht Hochhaus ist, wird abgerissen und durch Hochhäuser ersetzt, geht man zu Fuss durch Shanghai, hofft man, dass zumindest der Weg vor einem nicht in den nächsten Sekunden verschwindet wie alles andere.

Gymnastikgreise in Gärten

“Rrrrcchhhh-F’T!”

Vor dem Herumspucken hatte man mich gewarnt, aber Grund zum Augen- und Ohrenzuhalten gibt es nur bedingt, vielleicht hält man sich olympiabedingt zurück. Erstaunt bin ich aber, dass auf innerchinesischen Flügen freudig und frequent in innerchinesische Flugzeuge hineingerotzt wird.

Nun gut, vielleicht lautete der unentzifferbare Slogan der innerchinesischen Fluglinie dann doch “We put the Speib back in ‘Speibsackerl’” und nicht, wie vermutet “Auch unsere Flughäfen und Flugzeuge sind, wie Bahnhöfe und Bahnen, brandneu und blitzblank, sie werden ja auch alle drei Jahre weggeworfen und durch noch neuere und blitzblankere ersetzt. Und wie findet ihr unsere wie frischgemacht schmeckenden, interessant gefüllten Teigtaschen in apart designten Pappschachteln? Gut, oder? Xiexie for flying with Name vergessen Airlines.”

 “Our brand new aircraft is now approaching the brand new Nanjing Airport.”

“Rrrrcchhhh-F’T!”

 

Raupen im Schneematsch

Das hat nun also alles erstaunlich gut funktioniert. Jetzt kann schon Entlegeneres, Östlicheres, Chinesischeres und Befremdlicheres kommen. Und so gerät man im mit etwa einer Million Menschen durchschnittlich belebten Pekinger Hauptbahnhof in den Zug nach Shenyang, in dem sofort ein weiteres China-Vorurteil leise zerbirst.

Die Züge sind die besten Züge der Welt, blitzschnell, leise, perfekt gefedert, mit einer völligen Abwesenheit von Pastelltönen in der Innenausstattung gesegnet, man bekommt gratis Wasserflaschen gereicht, und alle Sitze lassen sich um 180 Grad drehen, so dass man nie gegen die Fahrtrichtung sitzen muss. Esst euer Herz aus, Bahnchefs der westlichen Welt!

Bevor neues Zeugs im Kapitel “Über Orte” dazukommt, wird erst mal altes rausgehauen. Das hier und die folgenden Chinatexte sind aus dem Jahr 2008.

 

Vorher Nachher Bilder

Jeder macht sich, bevor er auf Reisen geht, ein Bild von seinem Ziel, einer Stadt, in der er noch nie vorher war. Dieses Bild ist ein Destillat aus Zeitungslektüren, Klischees und Stereotypen, Erzählungen von Freunden, Schlagworten aus Reiseführern, und herbeigegoogelten Bildern, das sich zu einer Topographie formt, einem dreidimensional zusammengepuzzelten Gesamtbild eines Ortes, das so nur im eigenen Kopf existiert, und das unwiederbringlich verdampft, sobald man am realen Ort eingetroffen ist.

So wie man ein Buch nie mehr unvoreingenommen lesen kann, sobald man den Film dazu gesehen hat, lässt sich dieses Bild nie wieder rekonstruieren. Ausser, man schreibt es vorher auf und kann dann vergleichen. Im Falle von China waren die Stereotypen eindeutig definiert, und eigentlich wollte ich da auch gar nicht hin.

Die Halbinformationen, die über die Jahre aus Medien und Freunden herausquollen, ergaben ein Destillat, das sich mit den Begriffen “mühsam, undurchdringlich, Smog, grau, Herumgespucke, Angestarrtwerden, Repressionen, quäkende Musik, Nichtvorhandensein von Hilfsbereitschaft, Todesstrafe” zusammenfassen ließ. Wenn aber das Weltgefüge einem den Teppich zu einem kleinen Ausflug ausrollt,  guckt man aber dann doch, wie China so ist.