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Ein Team der Kunstuniversität Linz entdeckte an der Wiener Peripherie einige Gemeinsamkeiten mit Nevada und entwickelte Ideen für die Grauzone zwischen Stadt und Land

Woran merkt man, dass man das Wiener Stadtgebiet verlassen hat? An der plötzlichen Abwesenheit von MA48-Werbesujets? An der sprunghaft steigenden Anwesenheit von Shoppingcentern, Einfamilienhäusern, Traktoren? Die Antwort ist: Man merkt es immer weniger. Der auf ewig festzementierten Grenze in den administrativen Köpfen zum Trotz ist Wien längst ins Niederösterreichische ausgeufert, ehemalige Dörfer sind zu einer Art Peripherie-Porridge zusammengewachsen, und aus der Luft besehen reicht Wien mindestens von Mödling-Süd bis nach Wolkersdorf-Nord und Stockerau-West.

Orte, die bis vor kurzem Inseln kirchenglockiger Beschaulichkeit waren, sind in kürzester Zeit zu Städten geworden. Nicht selten, ohne es selbst zu merken oder sich einzugestehen. Aber ist ein Dorf mit eigenem Speckgürtel noch ein Dorf? Fragen wie diese verhallen in diesem Niemandsland meistens im Lärm der von Pendlern verstopften Asphaltwege.

Das Ausweichquartier des Parlaments am Heldenplatz war lange angekündigt. Kaum nimmt es Gestalt an, reden manche plötzlich von Verschandelung. Sind die temporären Holzbauten nun ein architektonisches Glanzstück? Ist der Heldenplatz der richtige Ort für sie? Und wie soll sich Demokratie heute in der Stadt überhaupt präsentieren?

Um 20 Uhr am Abend des 9.November 1989 wurde die 174.Sitzung des deutschen Bundestages unterbrochen, als die Nachricht von der Grenzöffnung aus Berlin eintraf. Die Abgeordneten aller Fraktionen erhoben sich spontan und stimmten gemeinsam die Nationalhymne an. Soweit, so bekannt. Nahezu vergessen ist jedoch, dass sich dieses historische Geschehnis in einem Provisorium abspielte. Von September 1986 bis Oktober 1992 tagte der Bundestag im ehemaligen Bonner Wasserwerk, während nebenan der von Architekt Günter Behnisch entworfene neue Plenarsaal entstand. Der Würde des Moments tat die temporäre Unterbringung an diesem 9.November keinen Abbruch.

Ironischerweise war es auch der Mauerfall, der den nach langwieriger Entscheidungsfindung errichteten, 256 Millionen Mark teuren Behnisch-Bau wenig später selbst zum Provisorium degradierte. Als dieser 1992 bezogen wurde, hatte das Parlament längst den Umzug nach Berlin beschlossen, Ende 1999 tagte es zum letzten Mal in Bonn. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Neubau nur ein paar Monate länger seine staatstragende Funktion innegehabt als das spartanisch hergerichtete Wasserwerk.

Dass das Parlament das vom Grundsatz der Transparenz, Offenheit und Hierarchievermeidung getragene, trotz seiner Masse fast verspielt wirkende, großzügig verglaste Gebäude gegen die düstere imperiale Hülle des ehemaligen Reichtstags eintauschte, ist eine heute ebenfalls fast vergessene Ironie. Die Frage, ob die bauliche Hülle einer demokratischen Institution auch demokratisch aussehen soll, und ob es so etwas wie demokratische Architektur überhaupt gibt, bleibt jedoch aktuell. Zur Zeit wird sie in Wien recht heftig diskutiert.

Der Wettbewerb für das Heumarkt-Areal war mit vielen Vorschusslorbeeren gestartet. Heute herrscht Katerstimmung. War das Verfahren also doch keine gute Idee? Eine Chronologie der Ereignisse.

Die Geschichte der Architekturwettbewerbe ist eine Geschichte der Kompromisse. In Wien lässt sich das an einer Fülle von Paradebeispielen nachweisen. Da wäre zum einen das jahrelange Hickhack um die Überbauung des Bahnhofs Wien-Mitte. Streit ums Weltkulturerbe, Architektenwechsel, Bürgerproteste, Hochhausdebatte, und ein Ergebnis, von dem niemand begeistert war. Oder das Museumsquartier: Der große Erfolg des MQ-Hofes lässt leicht übersehen, dass das Ensemble architektonisch eine Mißgeburt ist. Nach Denkmalschutzdebatten und polemischen Kampagnen des Boulevards wurde am Entwurf so lange gedrückt und gezerrt, bis die beiden Museumskuben aus der Stadtsilhouette hinauserniedrigt waren. Seitdem quält sich das Mumok mit viel zu engen Räumen, die Kunsthalle dämmert unsichtbar hinter der Schnörkelfassade der Winterreithalle dahin und ist nur durch ein absurdes Labyrinth erreichbar.

Die vorige Woche eröffnete ÖAMTC-Zentrale, von den Architekten Pichler & Traupmann spektakulär neben die Wiener Stadtautobahn gesetzt, spart nicht an Kurven und Schwüngen. Dabei erweist sie sich bar jeder überladenen Mobilitätssymbolik als Paradebeispiel dafür, wie ein Gebäude seine Form findet.

Sie mag elegante Kurven haben, die Wiener Südosttangente, doch Dynamik ist der chronisch verstopften Stadtautobahn eher selten zu Eigen. Das ändert sich ab jetzt, zumindest visuell. Denn dort, wo die Tangente die Ostautobahn kreuzt, hat sich ihr sozusagen tangential ein runder Stahl-Glas-Tornado genähert, der in luftiger Fahrbahnhöhe über dem Stadtentwicklungsdurcheinander des äußeren 3.Bezirks schwebt: Die neue Zentrale des ÖAMTC, die vorige Woche rechtzeitig zum 120.Jubiläum des Clubs bezogen wurde.

Mobilität, Geschwindigkeit, Dynamik und Rennstrecke, Tangente und Ring: Das Assoziationsvokabular, das die Kombination aus Bauherr und Bauplatz nahelegt, birgt die Gefahr, sich im symbolisch überladenen Kurvenmikado zu verlieren. Keine Frage, man hätte es vermutlich auch einfacher haben können: Ein quaderförmiger Büroblock, obendrauf das Logo, irgendwo dazu ein Streifen in Corporate-Identity-Farbe, fertig.

Ist die Karlskirche in Gefahr? Wie viele Geschosse hat ein Hochhaus? Eine Aufstockung am Karlsplatz sorgt für reichlich Aufregung und wirft Fachbegriffe munter durcheinander.

"Betonklotz! Glasmonster! Turm!" Wenn solche schreienden Buzzwords kursieren, kann man sich sicher sein, dass schon wieder eine Architekturdebatte entbrannt ist. Was war passiert? Folgendes: Ein viergeschossiges Bürogebäude soll um zwei Geschosse aufgestockt werden. Für gewöhnlich nichts, was das Blut hochkochen lässt. Nur handelt es sich hier um einen prominenten Standort, denn das ehemalige Winterthur-Haus der Zürich-Versicherung steht direkt neben der Karlskirche. Der 1971 errichtete Bau soll nun, ebenso wie das benachbarte WienMuseum, in die Höhe wachsen.

Nun kann sich jeder Mensch, der zwei Augen und fünf Minuten Zeit hat, genau hinzuschauen, schnell davon überzeugen, dass es sich bei diesem geplanten Umbau weder um einen Betonklotz, noch um ein Glasmonster, noch um einen Turm handelt. Dies hinderte die Kronen-Zeitung jedoch nicht daran, zum Sturm gegen das Projekt aufzurufen und die von Georg Eltz ins Leben gerufene Initiative "Rettet die Karlskirche" zu unterstützen, die von einer eigenartigen Koalition aus Kirche, FPÖ und dem Sohn des Architekten getragen wird.

Die Posse um die nicht gebaute Zentrale der MA48 und ihren von der Jury verschmähten Mistkübel-Entwurf hat für Gesprächsstoff gesorgt. Ist es wirklich, wie Stadträtin Ulli Sima beteuert, ein "ärgerlicher Einzelfall", oder ist etwas faul in der Wiener Baukultur? Ein Überblick über den Stand der Debatten.

Beginnen wir mit einer etwas ungewöhnlichen und leider etwas unappetitlichen Frage: Was hat Hundekot mit Baukultur zu tun? Nichts, würde man meinen. Doch zumindest in Wien haben die beiden Begriffe eine gemeinsame Schnittmenge. Genau, es geht um die Magistratsabteilung 48. Diese macht zweifellos einen sehr guten Job. Sie macht auch sehr viel Werbung dafür, dass sie ihren Job macht. Kampagnen, Aktionen, Mistfeste, Inserate, Plakate und Stadträtinnenkonterfeis noch in den abgelegensten Gehölzen der Lobau. Eine besondere Vorliebe hegt die Werbeagentur der MA48 offenbar für die Hinterlassenschaften von Vierbeinern und affichiert gerne hundertfach vergrößerte Fotos von Hundekot oder aufgetürmten Hundekotsackerln auf Plakaten im öffentlichen Raum. Nun hat die Koprophilie gerade in Österreich in Kunst und Psychologie eine lange und interessante Geschichte, aber müssen wirklich für Steuergeld Fotos von Hundekot angefertigt werden? Und was kostet das eigentlich?

Das haben sich auch die Gemeinderäte der NEOS gefragt, die am 22.März 2016 eine Anfrage an Umweltstadträtin Ulli Sima bezüglich der Kosten der soeben gestarteten "Schmutzkübel-Kampagne" stellten, eine PR-Aktion, die die Bürger Wiens darauf hinweisen sollte, den Mist bitte in Mistkübel zu werfen. Gefragt wurde auch nach dem gesamten Werbebudget der MA48 im Jahr 2015. Die Antwort auf die erste Frage: 253.300 Euro. Die Antwort auf die zweite Frage blieb aus.

Dass die Aussagen von Umweltstadträtin Ulli Sima im Falter-Interview letzter Woche zum Thema Architekturwettbewerbe tätigte, auf herbe Kritik stoßen würden, war abzusehen. Architekturwettbewerbe seien teuer, so Sima, es würden „viele Architekten zum Zuge kommen“, und womöglich wählte die Jury einen Entwurf, der „uns als Bauherr“ dann gar nicht passe. Einen Tag später antwortete die Architektenkammer mit einer Aussendung: Es gebe hier wohl ein grundlegendes Missverständnis, was Öffentlichkeit und Architekturwettbewerbe beträfe. Die Stellungnahme hätte schärfer sein können, denn bei Simas Bemerkung, „wir als Bauherr“ hätten ein missliebiges Wettbewerbsergebnis „dann einfach nicht umgesetzt“, muss man sich schon ungläubig an den Kopf fassen.

Die 1965 von Architekt Rolf Gutbrod erbaute Deutsche Botschaft in Wien ist ein leichtfüßiges Meisterwerk der Nachkriegsmoderne. Jetzt wird sie abgerissen.

Metternichgasse, Wien, 3. Bezirk: Im Botschaftsviertel um diese nach dem Urvater europäischer Diplomaten benannte Gasse gruppieren sich standesgemäß die steinernen Repräsentanzen von Russland, China, und Großbritannien, der halbe Globus residiert gleich ums Eck. Doch mittendrin in dieser wie ein Echo des "langen 19. Jahrhunderts" gemahnenden Nationalparade klafft eine grüne Lücke: ein graugrünes Ensemble ganz ohne Schaufassade, das mehr zum Park als zur Straße gehören und scheinbar gar nicht pompös beeindrucken will: die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland.

Von 1959 bis 1965 erbaut, steht sie für eine Architektur, mit der sich die junge Republik der Welt demokratisch, aufgeklärt und humanistisch präsentierte. In den Nachkriegsjahren fungierte die internationale Moderne als Läuterung vom Albert-Speer-Gigantismus der Nazizeit, und Botschaftsbauten trugen dieses bescheidene Selbstverständnis in die Welt.

Sie verschoben den Schwerpunkt vom Repräsentativen zum Administrativen und verknüpften souverän-mondän den Staat zu Hause mit dem Standort vor Ort. Den Anfang machte 1962 Johannes Krahns Corbusier-Hommage in Neu-Delhi, gefolgt vom feinen Gitterwerk von Egon Eiermanns Botschaftsbau in Washington 1964 und dem tropisch-erdig eingefärbten Ensemble, das Hans Scharoun 1971 auf den Dschungelboden von Brasília setzte.

Zurück an den Start: Der umstrittene Turmbau beim Eislaufverein wurde abgesagt. Es bleiben viele Fragezeichen.

Eine Vollbremsung auf spiegelglattem Eis resultiert in der Regel in einem Umfaller. Exakt dieses Manöver legte vorige Woche die Stadt Wien auf dem Areal des Wiener Eislaufvereins hin: Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou verkündete, dass die umstrittene Planung von Developer Michael Tojners Wertinvest und Architekt Isay Weinfelds Hochhausentwurf vom Fachbeirat für Architektur und Stadtgestaltung abgelehnt worden sei, und erteilte der dafür notwendigen Änderung des Flächenwidmungsplans eine Absage. Was als Paarlauf zwischen Stadt und Investor begann, endet nun in einem abrupten Bauchfleck. Es sei, so Vassilakou, für alle Beteiligten eine „Denkpause“ angebracht. Dieser Abpfiff bedeutet jedoch in jedem Fall das Aus für den 73-Meter-Turm. Auf den Zuschauerrängen der Gegentribüne dürften jetzt nicht wenige Sektkorken knallen.

Die UNESCO-Bericht ist entsetzt über die Hochhauspläne beim Eislaufverein. Zeit, ein paar Fragen zu stellen: Wie kam es soweit? Wie geht es weiter? Und braucht Wien das Weltkulturerbe überhaupt?

Das kommt nicht überraschend: Der Ende März vorgelegte Bericht der UNESCO macht unmissverständlich klar, dass die Pläne für die Intercont-Erweiterung beim Eislaufverein das Weltkulturerbe Wiener Innenstadt "irreversibel gefährden". Im November 2015 hatte sich der italienische Architekt Giancarlo Barbato in UNESCO-Mission bei einem Lokalaugenschein die Pläne erläutern lassen und hatte auch mit den Gegnern des Projektes gesprochen.

Mit dem Ergebnis: Das Hochhaus störe den Canaletto-Blick vom Belvedere und die Einheit des Ersten Bezirk, die dank der zahlreichen Dachausbauten der letzten Jahre sowieso schon bedenklich am Kippen sei. Sogar das 1964 errichtete Intercontinental-Hotel selbst ist der UNESCO schon zu hoch und sollte idealerweise auf Baublockhöhe gestutzt werden.

Das Bundeskanzleramt (der Weltkulturerbestatus ist ein Vertrag auf Bundesebene) antwortete am 31.März in einem äußerst knapp gehaltenen Schreiben: Die Meinung der zahlreichen Experten im kooperativen Verfahren, das dem Architekturwettbewerb vorausging, habe gezeigt, dass es im Umfeld des Eislaufvereins gar nicht in erster Linie auf die Höhe ankomme, sondern auf die urbane Qualität des Stadtraums. Außerdem sei noch nichts entschieden. Man gehe davon aus, dass die Neubaupläne letztendlich mit dem Weltkulturerbe kompatibel seien. Fertig.

Eine Einigung scheint so ausgeschlossen, es sei denn, der Investor zieht plötzlich einen komplett anderen Entwurf aus der Tasche. Das endgültige Urteil wird auf der UNESCO-Jahressitzung im Juli fallen. Was dann? Wird Wien das Weltkulturerbe aberkannt? Läuft die seit zwei Jahren währende, oft ins Hysterische ausschlagende Hochhaus-Diskussion, die Architektenschaft und Öffentlichkeit spaltet, in Endlosschleife weiter?