Über die Linie

Genau ein Jahr nach der Posse um das Mistkübelhaus zeigt die MA48 wieder ein seltsames Verhältnis zur Baukultur: Am Nordbahnhof taucht ein Mistplatz aus dem Nichts auf, stößt auf Bürgerprotest, und wird von der Stadtplanung wieder entsorgt. Ein Lehrstück über Konsens und Machtkampf.

Pappeln im Wind, wucherndes Unkraut im Kies, Trampelpfade im Gebüsch. Kinder radeln umher, Hunde freuen sich über Auslauf, Skater turnen akrobatisch über den Beton. Das Areal des ehemaligen Nordbahnhofs ist eine wilde Idylle, wie es sie im bebauten Wiener Stadtgebiet in dieser Größe nirgendwo sonst gibt. Seit das Areal öffentlich zugänglich ist, hat es sich zu einem Grätzel-Park mit Industrieromantik entwickelt. Nebenan steht schon der Bagger auf dem Bauplatz für den Bildungscampus, vom Praterstern her wird eine Allee heranplaniert.

Am Nordbahnhof kann man live einer Stadt im Umbruch zuschauen, und seine Wildnis ist ein produktiver Humus für Stadtentwicklungsdebatten. Im alten Fabrikgebäude der Nordbahnhalle hat im Sommer das Architekturzentrum Wien eine Zweigstelle bezogen und das Stadtwerkstatt-Programm "Care + Repair" gestartet, auch die TU Wien ist hier aktiv.

In der Nordbahnhalle sitzt an diesem Septembermittwoch Peter Rippl, vor ihm auf dem Tisch eine Sammlung Pläne und Visualisierungen. Rippl, der in der Nähe eine Shiatsu-Praxis leitet, ist seit fünf Jahren bei der Initiativgruppe (IG) Lebenswerter Nordbahnhof, die sich am Planungsprozess des Areals von Anfang an beteiligt hat. Rippl ist ein ruhiger, bedächtiger Mann, und auch die Bürgerinitative gilt bei der Stadt als konstruktiver Gesprächspartner. Keine Wutbürger, die jede Veränderung ablehnen. Doch seit Anfang des Sommers machen sich die Bürger Sorgen. Und zwar um einen Mistplatz.

Um zu verstehen, warum dies kein kleines Problem ist, spaziert man am besten von der Nordbahnhalle ein Stück Richtung Innstraße. Nach ein paar hundert Metern steht man nämlich vor einer geraden weißen Linie. Sie verläuft senkrecht eine Fassade hinab, über einen Parkplatz, eine kleine Mauer hinauf, über den Asphalt, verliert sich dann im Gestrüpp. Die Linie ist das erste Indiz des Kommenden, denn sie markiert die zukünftige Grenze zwischen Wildnis und Bebauung.

Denn anders als in der ersten Bauphase des Nordbahnhofviertels soll Stadt hier nicht auf einer Tabula Rasa entstehen. "Freie Mitte, vielseitiger Rand" lautet das Motto hier, und es ist einer der ambitioniertesten Wiener Stadtplanungsentwürfe der letzten Jahre. Entwickelt wurde es vom Wiener Büro studiovlay, das 2012 den EU-weiten Wettbewerb gewann. Ihre Idee: Die vorhandenen Wildwuchs-Idylle zu belassen, immerhin mehr als 10 Hektar Park, mit den Spuren alter Gleise und der Spontanvegetation. Für die insgesamt 4.000 Wohnungen und 2.500 Arbeitsplätze, die bis 2025 entstehen sollen, ist der Rand des Gebiets vorgesehen, dafür wird die Bebauung hier dichter und höher. Eine genau austarierte Balance zwischen Masse und Leere.

Dieser Entwurf hat nicht nur großen Respekt in der Fachwelt hervorgerufen, sondern wurde auch vorbildlich umgesetzt - zumindest bisher. Von 2012 bis 2014 wurde gemeinsam mit Bürgerinitiativen, Planern und Magistratsabteilungen ein Leitbild für den Nordbahnhof erstellt, das dazugehörige Handbuch umfasst über 200 Seiten.

Auch die Stadt Wien hat mit ihrem Stolz auf dieses Projekt nie hinter dem Berg gehalten "Ein Planungsvorhaben kann nur dann erfolgreich sein, wenn dieses auch von einer breiten Öffentlichkeit mitgetragen und mit Leben erfüllt wird. Das ist in diesem Planungsprozess besonders gut gelungen", so Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou in ihrem Vorwort zum Handbuch. Bezirksvorsteherin Uschi Lichtenegger lobte den Nordbahnhof im Februar dieses Jahres als „State-of-the Art-Stadtplanung“ und das „innovativsten Grätzel Europas“.

Ein Musterbeispiel der Stadtplanung also. Bis in diesem Frühjahr im Entwurf zum Flächenwidmungsplan dort, wo im Leitbild noch Wohnungen in bester Lage am Park vorgesehen waren, plötzlich ein 6.360 Quadratmeter großer Mistplatz der MA 48 auftauchte. Die weiße Demarkationslinie wurde überschritten, und zwar um gut 30 Meter. Würden man auf Suche nach Erholung in der Stadtwildnis in Zukunft auf lange Betonwände schauen, und von den neuen Balkonen auf Sperrmüll?

 "Fünf Jahre lang war von diesem Mistplatz keine Rede," sagt Peter Rippl. "Wir sind davon völlig überrascht worden, auch bei den Infoveranstaltungen wurde das nicht erwähnt. Es steht zu befürchten, dass das Leitbild schon aufgegeben wird, bevor man überhaupt mit dem Bauen begonnen hat. Es kann nicht sein, dass Stadtplanung in der Praxis bedeutet, dass man sich irgendwie durchwurschtelt und jeder irgendwas macht," Sorge macht ihm nicht nur die fragwürdige Situierung eines Mistplatzes in bester Parkrandlage, sondern auch dessen architektonische Qualität: "Einen innerstädtischen Mistplatz kann man nicht genau so bauen wie einen am Stadtrand. Es gäbe sicher Möglichkeiten, ihn in die Bebauung zu integrieren, oder den bestehenden Mistplatz an der Dresdnerstraße auszubauen."

Auch die Wiener Architektenschaft hat inzwischen von den Plänen Wind bekommen und war entsetzt. Man fühlte sich erinnert an das Kuriosum des geplanten mistkübelförmigen MA 48-Stützpunkts im 19.Bezirk, der 2016 für Aufsehen sorgte (der FALTER berichtete). Umweltstadträtin Ulli Simas Absage des Architekturwettbewerbs, nachdem der eigenartige Entwurf von der Jury hinausgekantet wurde, wurde damals von der Architektenkammer scharf kritisiert.

Auch am sensibel ausbalancierten Nordbahnhof hat ein Mistplatz architektonische Konsequenzen. Wo zum Beispiel sollten die rund 300 Wohnungen Platz finden, die durch den MA48-Stüptzpunkt entfallen würden? Schließlich müssten diese woanders auf dem Areal Platz finden, wo die Bebauungsdichte schon sehr hoch angesetzt ist. Kann die Qualität von Architektur und Stadtraum, die die weiße Linie so genau definiert, so erhalten bleiben? Dazu meint Stadtplanerin Lina Streeruwitz vom Büro studiovlay zum Falter: "Die Änderung würde eine Umschichtung von Volumen bedeuten, die auf Kosten der räumlichen Qualität geht. Denn die zu realisierende Fläche in Quadratmetern bleibt gleich. Das Leitbild steht und fällt also nicht mit dem Mistplatz, dazu ist es robust genug. Aber es ist eine große Herausforderung".

Keine Frage: Eine Stadt besteht nicht nur aus Bäumen, Balkonen und Beisln, sie braucht auch Orte für den Schmutz, für Entsorgung und Reinigung. Doch hatte die MA48 nicht seit spätestens 2012 Gelegenheit gehabt, ihr Platzbedürfnis ins Leitbild einzubringen? Dass am Nordbahnhof Wohnungen entstehen werden, war schon seit dem ersten Masterplan aus dem Jahr 1994 bekannt. Man darf also annehmen, dass die MA 48 die Planung ihrer Stützpunkte schon lange darauf abgestimmt hat. Und eine solche langfristige Planung gibt es doch sicher? Und sicher auch Gestaltungsrichtlinien für das Aussehen eines Mistplatzes mitten in der Stadt?

Auf die Falter-Anfrage mit diesen Fragen an die MA 48 antwortet Sprecherin Ulrike Volk: "Die MA 48 ist verantwortlich für die ordnungsgemäße Entsorgung des Mülls in Wien und muss daher bei neuen Stadtentwicklungsgebieten darauf achten, dass es entsprechende Infrastruktur gibt. Der bestehende Mistplatz in der Dresdnerstraße kann weder vergrößert noch modernisiert werden und verfügt über eine unzufriedenstellende Zufahrt. Für das Areal am Nordbahnhof, wo in den nächsten Jahren zahlreiche Wohnungen entstehen werden, hat die MA 48 daher Bedarf für einen neuen Mistplatz im Zuge des Flächenwidmungsplanes angemeldet. Entscheiden über den Bau wird aber nicht die MA 48, sondern die Flächenwidmung, die noch im Laufen ist. Selbstverständlich würden im Fall der Errichtung eines Mistplatzes entsprechende Maßnahmen zum Schutz der Anrainer einfließen."

Es ist allgemein bekannt, dass die Stadt Wien aus vielen Ressorts besteht, die nicht immer an einem Strang ziehen. Dass die zukünftige Bewirtschaftung einer innerstädtischen Wildnis, wie man hört, bei den zuständigen Magistratsabteilungen für Händeringen gesorgt hat, ist noch verständlich. Neue Ideen werfen eben neue Fragen auf. Dass manche Stellen der Stadtverwaltung mit der "freien Mitte" gar nichts anfangen können und sie am liebsten verbaut hätten, gilt aber ebenso als offenes Geheimnis.

Man darf sich auch fragen, wie die rathausinternen Rivalitäten und das Planungsverständnis der MA48 mit den baukulturellen Leitlinien in Einklang zu bringen sind, die vor wenigen Wochen nach jahrelanger Arbeit im Ministerrat beschlossen wurden. Darin verpflichtet sich der Bund unter anderem zu folgenden Prinzipien: "Auf baukulturelle Qualität technischer Infrastruktur achten, hochwertige öffentliche Räume fördern, die Praxis der Beteiligung ausbauen, verstärkt auf Architekturwettbewerbe setzen". Wenn das Ergebnis eines Wettbewerbs, eine mehrjährige Praxis der Beteiligung und ein ambitionierter Plan für einen hochwertigen öffentlichen Raum von Teilen der Verwaltung ignoriert werden, dann ist es mit der Baukultur nicht weit her.

Weckt im schnell wachsenden Wien die Idee einer "freien Mitte" so viele Begehrlichkeiten, dass die Freiheit unter dieser Last nachzugeben droht? Wird ein Best-practice-Beispiel der Stadtplanung schon sabotiert, bevor es umgesetzt werden kann? Oder sind dies die normalen Reibungsverluste eines demokratischen Großbetriebs?

In der Causa Nordbahnhof ist zumindest vorerst Entwarnung gegeben werden. Wie am Montag aus dem Büro von Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou gegenüber dem Falter bekannt gegeben wurde, wird die weiße Linie doch nicht überschritten: "Der Flächenwidmungsplan für das Nordbahnhofgelände wird keinen neuen Mistplatz ausweisen. Es gibt eine klare Stellungnahme des Bezirkes im Rahmen der öffentlichen Auflage, ein solches Projekt an diesem Standort nicht umzusetzen und es gibt einen klaren Willen der BürgerInnen vor Ort. Die Argumente, wonach es zu einem Verlust von notwendigen Wohnungen für die Stadt und auch von Freiraum für die zukünftigen BewohnerInnen kommt, sind nachvollziehbar. Die Stadtplanung wird daher einen Flächenwidmungsplan ohne neuen Mistplatz vorlegen."

So abrupt, wie der Mistplatz in den Plänen aufgetaucht ist, so plötzlich verschwindet er also wieder. Man darf gespannt sein, ob er irgendwann wieder auftaucht, oder ob der jetzige Standort sich als doch gar nicht so ausbauresistent erweist. Es wird wohl nicht das letzte Mal sein, dass in Wien die Müllabfuhr Stadtplaner spielt. Die Wildnis am Nordbahnhof darf vorerst Wildnis bleiben. Der magistrale Zuständigkeits-Wildwuchs bleibt auch. Wie lautet so schön die baukulturelle Leitlinie Nummer 16: "Verantwortliche der öffentlichen Hand qualifizieren und vorhandenes Wissen besser vernetzen". Am Fall Nordbahnhof sieht man, dass hier noch einiges zu tun ist.

 

Erschienen in: 
Falter 37/2017, 13.9.2017