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Die vorige Woche eröffnete ÖAMTC-Zentrale, von den Architekten Pichler & Traupmann spektakulär neben die Wiener Stadtautobahn gesetzt, spart nicht an Kurven und Schwüngen. Dabei erweist sie sich bar jeder überladenen Mobilitätssymbolik als Paradebeispiel dafür, wie ein Gebäude seine Form findet.

Sie mag elegante Kurven haben, die Wiener Südosttangente, doch Dynamik ist der chronisch verstopften Stadtautobahn eher selten zu Eigen. Das ändert sich ab jetzt, zumindest visuell. Denn dort, wo die Tangente die Ostautobahn kreuzt, hat sich ihr sozusagen tangential ein runder Stahl-Glas-Tornado genähert, der in luftiger Fahrbahnhöhe über dem Stadtentwicklungsdurcheinander des äußeren 3.Bezirks schwebt: Die neue Zentrale des ÖAMTC, die vorige Woche rechtzeitig zum 120.Jubiläum des Clubs bezogen wurde.

Mobilität, Geschwindigkeit, Dynamik und Rennstrecke, Tangente und Ring: Das Assoziationsvokabular, das die Kombination aus Bauherr und Bauplatz nahelegt, birgt die Gefahr, sich im symbolisch überladenen Kurvenmikado zu verlieren. Keine Frage, man hätte es vermutlich auch einfacher haben können: Ein quaderförmiger Büroblock, obendrauf das Logo, irgendwo dazu ein Streifen in Corporate-Identity-Farbe, fertig.

Von seiner Basis in Salzburg aus lotete er sensibel das architektonische Potenzial von Stadt, Land und Berg aus. Gerhard Garstenauer war ein unermüdlicher Kämpfer für Baukultur. Jetzt ist er im Alter von 91 Jahren gestorben.

"Herr Architekt, die Betonkist'n da können Sie sich am Hut stecken!" So etwas hört man nicht gerne, erst recht nicht zwei Wochen vor der Eröffnung der so titulierten "Betonkist'n". Der Architekt hieß Gerhard Garstenauer, und er steckte sich sein Gebäude keineswegs an den Hut. Gut so, denn es sollte ihn wenn nicht berühmt, so doch bekannt und respektiert machen. Das 1968 eröffnete Felsenbad in Bad Gastein wurde seinem Namen gerecht. Sowohl aus Platzgründen als auch aus in Stahl und Stein verankerter Ortsverbundenheit setzte Garstenauer die von einem Betontragwerk überspannte Halle direkt in den rauen Fels. Sachlich und sinnlich, rational und rustikal, international und lokal.

Ein Aufbruch im wahrsten Wortsinn. Gemeinsam mit dem damaligen Bürgermeister Anton Kerschbaumer plante Garstenauer, dem im längst geriatrisch gewordenen Kurbetrieb des 19. Jahrhunderts dahindämmernde Gastein zu neuem Leben, frischer Luft und zeitgemäßem Tourismus zu verhelfen. Die Gemeinderäte, die die "Betonkiste" verhöhnten, hatten das Nachsehen. Sechs Jahre später folgte der nächste Schritt in der Verjüngungskur. Der Ortskern mit seinen Hotelburgen, die sich um den berühmten Wasserfall gruppierten und dort dunkelfeuchte Schluchten bildeten, sollte endlich ein Zentrum bekommen. Garstenauers Lösung: Sein Kongresshaus, auf langen Betonstelzen über den Steilhang gestellt, machte aus der engen Gasse eine Terassenlandschaft mit Ausblicken und öffentlichem Platz, inklusive einer geradezu futuristischen Trinkhalle auf dem Dach unter vier Glaskuppeln. Ein großstädtisches Element an einem Ort, der schon zu k. u. k Zeiten alles andere als ein Alpendorf war. Eine Konsequenz, die dennoch für viele "Betonkisten"-Skeptiker zu viel des Guten war.

Das leerstehende Hotel Obir im Kärntner Ort Bad Eisenkappel (Zelezna Kapla) erzählt von damals und heute, von Teilung und Versöhnung

Die Terrasse ist überwuchert, der dunkelrote Putz blättert ab. Das Fensterglas ist milchig geworden, durch den Liftschacht tropft das Regenwasser. Auf der Glasfassade neben dem Eingang erzählen bunte Aufkleber von früher: Deutscher Touring Automobilclub, AutoVakantieReizen, YUGOTOURS. Die Glastür daneben ist mit Ketten verschlossen. Das letzte Mal, als hier jemand eingecheckt hat, ist lange her. Seit 13 Jahren steht das Hotel Obir im Kärntner Ort Bad Eisenkappel schon leer.

Rückblende in die 1970er-Jahre. Verwackelte Super-8-Bilder, von einem Hobbyfilmer festgehalten. Rauchende Bauarbeiter gießen Beton in die Schalung, neben dem Kirchturm wächst ein Rohbau in die Höhe. Auf dem Gerüst strahlt ein agiler Herr mittleren Alters kurz in die Kamera. Er heißt Ilja Arnautovic und ist der Architekt des Gebäudes. 1976 ist das Hotel fertig, im März 1977 wird es festlich eröffnet, auch hier war die Kamera dabei: Köche stehen mit rosig-properen Gesichtern in schüchternem Stolz hinter Buffets mit fettem Siebzigerjahre-Essen.

Urbane Bühnenbilder: Die Ausstellung "Anime Architektur" im Berliner Museum für Architekturzeichnung zeigt mit Originalbildern aus Animationsfilmen die Faszination japanischer Comic-Künstler für die Stadt als Setting für Utopien und Dystopien - oder beides zugleich.

Japan, im Jahre 2030: Eine Horde junger rebellischer Jugendlicher rast mit ihren Motorrädern auf unbeleuchteten und maroden Stadtautobahnen in die verbotene Zone des alten Tokio, wo seit einem Atomkrieg vor 38 Jahren nichts als ein pechschwarzer nuklearverseuchter Bombenkrater gähnt. So apokalyptisch beginnt Katsuhiro Otomos epochales Anime-Epos "Akira", das in sechs Bänden zwischen 1982 und 1990 erschien. Es gipfelt nicht weniger apokalyptisch in der physischen Verschmelzung des Antihelden mit der Stadt.

Akira läutete eine neue Ära des Animes ein, in dem Metropolen als Ort der Handlung eine tragende Rolle spielen. Eine Auswahl von Illustrationen für Anime-Filme jener Ära ist zur Zeit in der Tchoban Foundation, dem Museum für Architekturzeichnung in Berlin, zu sehen. Hier steht nun die Welt der Comics vollwertig neben Klassikern der Architekturzeichnung wie den endlosen Unterwelten in Giovanni Battista Piranesis Carceri oder den wild zersplitterten Architekturlandschaften von Lebbeus Woods.

Die Londoner Tate Modern expandiert und wird zur New Tate Modern. Mit ihrem kantigen Turm aus Beton und Ziegeln setzen die Architekten Herzog und de Meuron dabei auch ein Zeichen gegen den Ausverkauf der Stadt

Designermöbel, wie mit dem Lineal arrangiert: Die vollverglasten Panoramawohnzimmer sind so perfekt, dass sie wie übereinandergestapelte Schaufenster wirken. Wer hier wohnt, zeigt, was er hat, Geschmack aus dem Katalog. Das Penthouse in den Luxustürmen von Neo Bankside in zweiter Reihe am Südufer der Themse, entworfen von Richard Rogers, kostet rund 27 Millionen Euro. Von vielen Londonern scharf kritisiert als Paradebeispiel einer Entwicklung des Wohnens vom Grundbedürfnis zur Währung für Spekulanten, ist nur eines von vielen spiegelverglasten Investorenprojekten an der South Bank, allesamt überragt von der 310-Meter-Pyramide des "Shard".

Doch jetzt haben die Bewohner von Neo Bankside einen neuen Nachbarn bekommen: die Londoner Öffentlichkeit. Denn genau zwischen ihren Sofas und dem Flussufer liegt die Tate Modern, seit dem Jahr 2000 in der wuchtigen Industriekathedrale des ehemaligen Bankside-Kraftwerks aus den 1950er-Jahren untergebracht. Ein Erfolg von Anfang an, mit fünf statt der erwarteten zwei Millionen Besucher pro Jahr. Schon 2004 war klar, dass man expandieren musste. Der einzig mögliche Ort dafür: im Süden der großen Turbinenhalle, die sich als halböffentlicher Vorraum der Kunst einen festen Platz im Londoner Leben erobert hat. Dort, wo im Untergeschoß zwei riesige runde Öltanks schlummern, erhebt sich jetzt ein zehngeschoßiger Anbau: die New Tate Modern, die gestern, Freitag, nach sechs Jahren Bauzeit eröffnet wurde. Die schon für den Altbau verantwortlichen Schweizer Architekten Herzog und de Meuron hatten zwar zuerst einen wilden Stapel verglaster Boxen vorgesehen, doch als sie sahen, wie ringsum die verspiegelten Luxustürme aus dem Boden schossen, entschieden sich die Architekten für eine Kehrtwende.

Die japanische Pritzkerpreisträgerin Kazuyo Sejima, die ab Herbst Professorin an der Universität für angewandte Kunst in Wien sein wird, achtet mit ihren Bauten die Umwelt auf ganz eigene Weise, wie sie im Interview erklärt

Seit 1995 leitet Kazuyo Sejima mit ihrem Partner Ryue Nishizawa das Büro SANAA. 2010 wurde ihnen gemeinsam der Pritzkerpreis verliehen. Ihre Bauten wie das Museum des 21. Jahrhunderts in Kanazawa, das New Museum in New York oder die kleinen Kunsträume, die sie in einem Langzeitprojekt auf der Insel Inujima verteilt, zeichnen sich durch Helligkeit und Leichtigkeit aus und scheinen manchmal ganz in der Landschaft verschwinden zu wollen. Diese Woche war Kazuyo Sejima als Ehrenpräsidentin der Jury des Blue Award in Wien.

Der dieses Jahr zum vierten Mal vergebene, von der TU Wien ausgeschriebene internationale Studentenwettbewerb zeichnet Beiträge zur Nachhaltigkeit in Architektur und Stadtplanung aus, der Gewinner des Blue Award 2016 wird im August bekanntgegeben. Mit dem STANDARD sprach Kazuyo Sejima, die ab Herbst eine ordentliche Professur an der Wiener Universität für angewandte Kunst antreten wird, über die japanische Art des nachhaltigen Bauens und die Harmonie von Haus und Umgebung.

Die 1965 von Architekt Rolf Gutbrod erbaute Deutsche Botschaft in Wien ist ein leichtfüßiges Meisterwerk der Nachkriegsmoderne. Jetzt wird sie abgerissen.

Metternichgasse, Wien, 3. Bezirk: Im Botschaftsviertel um diese nach dem Urvater europäischer Diplomaten benannte Gasse gruppieren sich standesgemäß die steinernen Repräsentanzen von Russland, China, und Großbritannien, der halbe Globus residiert gleich ums Eck. Doch mittendrin in dieser wie ein Echo des "langen 19. Jahrhunderts" gemahnenden Nationalparade klafft eine grüne Lücke: ein graugrünes Ensemble ganz ohne Schaufassade, das mehr zum Park als zur Straße gehören und scheinbar gar nicht pompös beeindrucken will: die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland.

Von 1959 bis 1965 erbaut, steht sie für eine Architektur, mit der sich die junge Republik der Welt demokratisch, aufgeklärt und humanistisch präsentierte. In den Nachkriegsjahren fungierte die internationale Moderne als Läuterung vom Albert-Speer-Gigantismus der Nazizeit, und Botschaftsbauten trugen dieses bescheidene Selbstverständnis in die Welt.

Sie verschoben den Schwerpunkt vom Repräsentativen zum Administrativen und verknüpften souverän-mondän den Staat zu Hause mit dem Standort vor Ort. Den Anfang machte 1962 Johannes Krahns Corbusier-Hommage in Neu-Delhi, gefolgt vom feinen Gitterwerk von Egon Eiermanns Botschaftsbau in Washington 1964 und dem tropisch-erdig eingefärbten Ensemble, das Hans Scharoun 1971 auf den Dschungelboden von Brasília setzte.

Der Stadtsoziologe Jens Dangschat erklärt, was die Architektur für die Integration leisten kann

Städte leben von der Zuwanderung. Doch wie und wo in der Stadt funktioniert die Integration – und wo nicht? Im Gemeindebau, im öffentlichen Raum oder doch besser im Containerdorf irgendwo im niederösterreichischen Gewerbegebiet? Wie sichtbar oder unsichtbar soll das Fremde in der Stadt sein? Auch in der Architektenschaft wird engagiert nach Lösungen gesucht.

Der Soziologe Jens Dangschat forscht seit langem zum Zusammenleben in Städten und erarbeitet zurzeit mit seinen Studenten an der TU Wien Ideen zum Thema "Zuwanderung, Flucht, Identität und öffentlicher Raum". DER STANDARD traf ihn im Mobilen Stadtlabor der TU Wien, das derzeit auf einer asphaltierten Brachfläche in St. Marx Station macht.

Die Stadt an sich gilt seit jeher als "Integrationsmaschine" für Zuwanderer. Kann sie diese Rolle heute angesichts der emotionalen Flüchtlingsdebatten noch erfüllen?

Dangschat: So einfach ist es nicht. Die Stadt war immer nur dann eine Integrationsmaschine, wenn der städtische Arbeitsmarkt Leute brauchte. Aber im Moment gehen Stadtgesellschaft, Stadtpolitik und der städtische Arbeitsmarkt auf diese Leute nicht gerade mit offenen Armen zu. Der bezahlbare Wohnraum wird immer knapper, dazu kommen Verteuerung und Gentrifizierung. Noch schwieriger wird es, wenn die Stadtgesellschaft nicht mehr urban, offen und neugierig ist und sich gewissen sozialen Gruppen gegenüber skeptisch zeigt. Im Moment ist die Integrationskraft der Städte ins Straucheln geraten.

Die Zeit der genialistischen Einzelkämpfer in der Architektur geht dem Ende zu. Das mit dem Turner Prize ausgezeichnete britische Team Assemble bringt frischen Wind in die Branche

Der rituelle Aufschrei hatte in diesem Jahr einen besonders schrillen Sound: Als im Dezember der wichtigste Preis der britischen Kunstwelt, der mit 25.000 Pfund dotierte Turner Prize, an das Architektenteam Assemble vergeben wurde, war die Kulturwelt der Insel in Aufruhr: Das Ende des Turner Prize, eine Bankrotterklärung, ein Affront! Was hatte Architektur denn mit Kunst zu tun? Selbst für die an Skandalen und aufgeregten "Ist das noch Kunst?"-Diskussionen nicht gerade arme Geschichte des Preises (von Damien Hirsts eingelegtem Hai über Tracey Emins zerwühltes Bett, kopulierende Sexpuppen und protestierende Eierwürfe bis zu den unvermeidlichen Wortmeldungen von Prince Charles) war das ein Novum.

Graz 2003, Linz 2009 – was kommt als Nächstes? Im Jahr 2024 wird Österreich wieder eine Kulturhauptstadt stellen. Eine engagierte Schar von Architekten, Aktivisten und Studenten will die Auswahl nicht den Beamten überlassen

Vor genau einem Jahr knirschte es in einem belgischen Gebälk. Aus der spektakulären Wolke aus rot bemalten Holzlatten, die der heimische Künstler Arne Quinze im Stadtzentrum von Mons installiert hatte, krachten Anfang Jänner 2015 mehrere Stücke zu Boden. Kurz darauf wurde das gesamte 400.000 Euro teure Kunstwerk aus Sicherheitsgründen eingestampft. Was ein feierlicher Auftakt des Kulturhauptstadtjahrs hätte werden sollen, wurde eine unsanfte Landung noch vor dem Start. Dabei hatte man alles aufgeboten: einen neuen teuren Bahnhof von Stararchitekt Santiago Calatrava, der leider erst 2018 fertig wird, und ein Museum von Stararchitekt Daniel Libeskind, das aussieht wie ein B-Klasse-Libeskind-Museum aus der Serienproduktion. Am Ende des Jahres hatte Mons dennoch die angepeilte Marke von zwei Millionen Besuchern übertroffen. Ob dies ein langfristiger Erfolgsgarant ist und die Investitionskraftakte die wallonische Industrieregion auf Dauer kulturell beleben, wird sich erst noch zeigen.