urbanismus

Raus aus der Opferrolle: Bürger in Südeuropa nehmen den Markt selbst in die Hand. Das Projekt "We-Traders" geht 2014 auf Tournee. Die Kuratorin Angelika Fitz im Interview

Bauruinen, Arbeitslosigkeit, leere Stadtkassen: Die Städte in Südeuropa sind von der Krise am stärksten betroffen. Doch jenseits des an Kaninchen vor der Schlange erinnernden, angstvollen Geredes von der Reaktion "der Märkte" entstehen heute Initiativen, die den Markt längst selbst in die Hand nehmen.

In Berlin wird Urban Gardening betrieben. In Turin und Toulouse werden Wohnhäuser selbst verwaltet. In Lissabon geht es darum, leerstehenden, für die Immobilienwirtschaft unattraktiven Wohnraum zu vermitteln. Und in Madrid macht sich eine engagierte Nachbarschaft jene Brachflächen zunutze, die aus dank der Krise gescheiterten Großprojekten entstanden sind.

Unter dem Namen We-Traders werden diese vielversprechenden Initiativen aus all diesen Städten im kommenden Jahr präsentiert. Konzipiert wurde das Projekt im Auftrag des Goethe-Instituts von der österreichischen Kuratorin Angelika Fitz und der Berliner Grafikerin Rose Epple. Im Gespräch mit dem STANDARD erklärt Angelika Fitz, was es mit der Renaissance des "Wir" auf sich hat und warum wir von diesen Städten gerade jetzt lernen können.

Städte schrumpfen und wachsen, erfinden sich neu. Die Soziologin Anne Power erklärte, was "Phoenix Cities" sind

Wachsende und schrumpfende Städte waren das Thema der diesjährigen Baukulturgespräche beim Europäischen Forum Alpbach. Anhand des akuten Problemfalls Detroit und ausfransender Siedlungsteppiche in Mitteleuropa diskutierten die Fachleute zwei Tage lang darüber, wie man dieser gegenläufigen Trends Herr werden kann.

Die britische Professorin Anne Power forscht seit Jahrzehnten an der London School of Economics über Städte, Wohnungsnot und Armut. 2010 veröffentlichte sie das Buch "Phoenix Cities" über den Fall und Wiederaufstieg europäischer Industriestädte. Mit dem STANDARD sprach sie in Alpbach über Stadterneuerung, Supermaterialien und Martin Luther King.

Zwischen Graswurzelinitiativen und Green Cities vom Reißbrett geht es in Asiens Städten in vielen Schritten vorwärts Richtung grüne Zukunft

Die in schöner Regelmäßigkeit in der westlichen Welt veröffentlichten Reportagen aus von Smog erfüllten Straßen in Peking und Delhi vermitteln ein bedauerlich einseitiges Bild von Fernost in Sachen Umwelt. Ganz klar: Die Geschwindigkeit, in der sich diese Städte und ihre Industrien in den letzten Jahren entwickelt haben, belastet die natürlichen Ressourcen wie Luft und Wasser enorm. Falsch ist es jedoch anzunehmen, dies wäre den Verantwortlichen und der Bevölkerung vor Ort nicht bewusst. Im Gegenteil: Die ambitioniertesten Ziele in Sachen Green Cities steckt man sich nicht in Mitteleuropa, sondern just dort, wo schon die kleinste Verbesserung große Wirkungen zeitigt: in den dynamischen Metropolen zwischen Pakistan und Japan.

Umweltsünder und Umweltschützer

So ist das viel geschmähte China in der Tat der Erzeuger der meisten Treibhausgase und der größte Energieverbraucher der Welt. Andererseits hat es beispielsweise Schanghai geschafft, sein Metronetz seit 1995 von null auf 440 Kilometer Länge auszubauen, und investiert seit einigen Jahren massiv in erneuerbare Energie aus Windparks. Guangzhou besitzt mit dem 71-stöckigen Pearl River Tower seit 2009 einen der energieeffizientesten Wolkenkratzer der Welt. Und Hongkong, seit jeher von Platznot geplagt, erhebt seit 2009 Steuern, um die acht Milliarden Plastiksackerln, die jährlich auf seinen Müllhalden landen, zu reduzieren.

Harvard-Ökonom Edward Glaeser erklärt, was wir aus Detroits Bankrott lernen und warum Städte trotzdem das Beste sind, was wir haben

Als die einstige Motor-City Detroit am 18. Juli Konkurs anmeldete, war dies nur ein weiterer Schritt auf dem langen Weg nach unten. 18,5 Milliarden Dollar Schulden, 78.000 leerstehende Gebäude, ein sinnloser People-Mover, der über leere Straßen schwebt. Hatte die Stadt zu Boomzeiten 1950 noch 1,8 Millionen Einwohner, sind es heute nur 700.000. Für die Kosten für Infrastruktur und Alterspensionen kann Detroit längst nicht mehr aufkommen, Polizei und Rettung funktionieren kaum noch.

Detroit ist mit Abstand die größte der 650 US-Städte, die seit 1937 Bankrott angemeldet haben. Seitdem wird überlegt, das Tafelsilber zu verscherbeln, vom Flughafen bis zu den Kunstwerken am Detroit Institute of Fine Arts. Auf der anderen Seite beginnen einzelne Bewohner, Gärten auf den verwilderten Brachflächen anzulegen, Künstlerkollektive kaufen leere Häuser für eine Handvoll Dollar. Kann sich die Stadt also wieder aufraffen? Und wenn ja, wie?

In seinem Buch "Triumph of the City" hat der Harvard-Wirtschaftsprofessor und Stadtökonom Edward Glaeser die Gründe für den Niedergang des einst von Erfindergeist erfüllten Detroit beschrieben - und nennt die "wissenszerstörende Idee" der Fließbandproduktion Henry Fords, Rassenunruhen und die Vernachlässigung von Bildung. Im Gespräch mit dem STANDARD erklärt Glaeser, warum manche Städte sich neu erfinden und andere nicht.

Entwickeln, verändern, verdrängen: Die jetzt eröffnete IBA Hamburg zeigt die Chancen und Gefahren der heutigen Stadtentwicklung

Hamburg, Waterkant: Obwohl von jeher in Bild und schmachtendem Seemannslieder-Ton zu einem Synonym verschmolzen, sind Stadt und Ufer erst in den letzten Jahren langsam zusammengerückt. Mit der brandneuen Hafencity entsteht, wo früher Docks und Speicher waren, eine kantige Waterfront, hochpreisig, schick und urban, gekrönt von der in Zeitlupe ihrer Fertigstellung entgegenwachsenden Elbphilharmonie (momentaner Hoffnungshorizont: das Jahr 2017).

Überwachung und Armut, Vertreibung und Protest: Soziologin Saskia Sassen erklärt, wie Sicherheit und Unsicherheit unsere globalen Städte prägen

Kaum etwas hat auf den Agenden der Nationalstaaten der westlichen Welt solche Priorität gewonnen wie die Sicherheit. Gleichzeitig bricht immer mehr Bürgern der Boden unter ihrem eigenen Leben weg. Die amerikanische Soziologin und Stadtforscherin Saskia Sassen beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren mit den Fragen des globalen Zusammenhalts. Vorige Woche hielt Saskia Sassen die Eröffnungsrede beim Symposion Dürnstein, das dieses Jahr unter dem Leitthema "Risiko Sicherheit" stand.

Verloren im Mahlwerk von Normen und privaten Interessen: Der Umbau des Höchstädtplatzes im 20. Bezirk zeigt, wie in Wien mit öffentlichem Raum umgegangen wird. Warum hat eine so schöne Stadt so durchschnittliche Plätze? Liegt es daran, dass öffentlicher Raum hier vor allem als Arena des Verkehrs und seiner Teilnehmer gesehen wird?

Das Symposium "Superstadt" spekulierte über die urbane Zukunft. Ob optimistisch oder düster: Der Futurismus ist wieder im Kommen - Architekt Liam Young über die Stadt von morgen

Die Zukunft schien in der Architektur ziemlich altmodisch geworden zu sein. Seit den fliegenden Träumen der 60er, als Pop-Art- Büros wie Superstudio aus Italien und Archigram aus London ihre Walking Cities wie riesige psychedelische Yellow Submarines durch die Welt von morgen staksen ließen, ist der Blick nach vorn immer grimmiger, humorloser und pessimistischer geworden.

Die Ausstellung "Hands-on Urbanism" im Architekturzentrum Wien zeigt die Geschichte der Landnahmen von unten und die wiederkehrende Aufblühen des Informellen als städtische Überlebenstechnik in Krisenzeiten.

Die große Halle des Wiener Architekturzentrums ähnelt zur Zeit mehr einem Gartencenter als einem Museum. Es grünt in allen Ecken, es wird eifrig gegossen, gepflanzt und getopft. Zwischen der üppigen Botanik bietet sich eine Vielzahl kleiner, auf Bauzäune montierter Tafeln zum Thema "Recht auf Grün", dem Untertitel der Ausstellung. Eine, die man sich erarbeiten muss. Großformatige Hochglanzfotos, auf denen sich das Auge ausruhen kann, sind hier nicht zu finden. Dafür eine Fülle an Informationen zu kaum bekannten Beispielen für Städtebau von unten, für die Aneignung urbanen Freiraums durch die Bürger. Die von Kuratorin Elke Krasny ausgewählten Beispiele führen von den Anfängen der Schrebergärten in Deutschland und Österreich Mitte des 19.Jahrhunderts über kooperatives Schrottsammeln in Porto Alegre bis zum Kampf um finanziell und landwirtschaftlich lukrativen Boden im heutigen Hongkong.

Sechs Monate vor der Eröffnung sind fast alle Olympia-Bauten in London fertig. Statt chinesischen Feuerwerks herrscht britischer Pragmatismus.

Als im August 2008 die Olympischen Spiele in Peking eröffnet wurden, staunte die Welt über das Vogelnest aus Stahl, das die Schweizer Stararchitekten Herzog & de Meuron als einprägsame Ikone an den staubigen Rand der chinesischen Hauptstadt gesetzt hatten. Die Gastgeber waren stolz auf den prunkvollen Aufwand: 42.000 Tonnen Stahl für 14 Tage Weltöffentlichkeit. Was danach damit anzufangen war, interessierte vorerst niemanden. Einen Monat später rutschte die Welt in die Finanzkrise und sah verschwendungsfreudige Riesenevents von nun an mit anderen Augen.

Nächste Station: London, wo die Spiele in genau sechs Monaten am 27. Juli eröffnet werden. Die britische Hauptstadt hatte, wie in weiser Krisen-Vorausahnung, bereits 2005 ihre Bewerbung mit dem Aushängeschild der Sparsamkeit versehen. Schließlich war man ein gebranntes Kind, was die Erfahrung mit "White Elephants" angeht, überdimensionierten Prestigebauten, die als finanzielle Altlasten in der Stadt herumstehen. Das PR- und Finanz-Desaster des Millennium Dome war noch in guter Erinnerung.