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Wohnen im Zeichen der Angst: Warum wird eigentlich plötzlich andauernd über das Thema Brandschutz diskutiert?

Es muss jetzt gleich zu Beginn etwas Unangenehmes gesagt werden. Und zwar folgendes: Leute sterben. Es ist unerhört, es ist skandalös, aber es ist so. Bisweilen sterben Leute in Häusern. Gar nicht so selten eigentlich. Das ist nicht lustig. Aber im Rückblick auf die gemeinsame Geschichte von Menschen und Behausungen kommt man zum Schluss: Es lässt sich wohl nicht komplett vermeiden. Nichts gegen das ehrbare Ziel der Risikominimierung, aber man bekommt den Eindruck, das Sterben in Häusern solle komplett und für immer eliminiert werden. Sie ahnen es schon, es geht hier um das Thema Brandschutz.

Das "Neunerhaus " in Wien bietet Obdachlosen ein Zuhause auf dem Weg in die Normalität. Mit Architektur, die mehr ist als nur Norm

Ich fühle mich hier sehr gut aufgehoben", sagt Ernst S. und blickt aus seinem Fenster im dritten Stock in den Hof. Gut, er sei zwar ein Naturmensch, deswegen habe er kurz gezögert vor dem Einzug im April. Viel Grün gibt es nicht auf der Eckparzelle im dritten Bezirk. Aber der Prater ist nur wenige hundert Meter entfernt. Zum Angeln fährt er zum Wienerbergteich.

Ein Tisch, zwei Stühle, Bett, Regal, Küchenzeile, 25 Quadratmeter – eine der 73 Wohnungen im "Neunerhaus", das Ende Juni eröffnet wurde. Nicht lange ist es her, da wohnte der heute 58-Jährige ganz anders. Vier Jahre lang auf einem Dachboden, im eisigen Winter unter mehreren Decken, im Sommer war es brütend heiß. Seine Papiere wurden gestohlen, von einem Überfall trägt er noch eine Narbe. Heute hat er sein eigenes Reich hinter seiner eigenen Tür – im wohltemperierten Passivhaus. "Es ist schön ruhig hier."

Die Geschichte eines weggeshitstormten Basketballkorbs - und was man daraus über unser Stadtverständnis lernen kann.

Wer kennt sie nicht, die versonnenen Blicke mitteleuropäischer Touristen, wenn sie in atmungsaktiven Partnerlookjäckchen kurzurlaubend durch mediterrane Städte schlendern. Die engen Gässchen, wäscheleinenüberspannt wie in einem 50er-Jahre-Film, hier das Kätzchen, dort die knopfäugig-fotogenen herumtollenden Kinder, und schau nur, dort oben schreien sich zwei Frauen aus ihren Fenster über die Gasse den neuesten Klatsch zu. Kann Urbanität noch pittoresker sein?

Mit Gigabytes voller Nahaufnahmen südlichen Straßenlebens und patinös abblätternder Fassaden auf der Speicherkarte kehrt man zurück in die Heimat - um dort wieder auf der Eigenparzelle hinter blickdichten Zwei-Meter-Thujenpalisaden über dem Ulrich-Seidl-Keller in Deckung zu gehen, und sollte die Nachbarin herüberschreien, wird per Mail mit dem Anwalt gedroht. Urbanität ja, aber bitte nicht zu Hause.

Zugegeben, wir haben hier herzhaft in den Klischeetopf gegriffen, und doch bleibt festzuhalten: Urbanität bedeutet vor allem: Konfrontation mit dem Fremden, Unbekannten und Überraschenden. In der Stadt endet die Privatheit nicht am Jägerzaun, sondern in der Regel an der Wohnungstür. Was davor ist, ist Verhandlungssache.

Seine Wohnbauten wurden als "Betonburgen" beschimpft, die Fachwelt diskreditierte ihn, doch die Bewohner fühlen sich seit Jahrzehnten wohl. Harry Glück ist einer der umstrittensten und faszinierenden Architektenfiguren Österreichs. Pünktlich zu dessen 90.Geburtstag erscheint nun ein Buch über den Erbauer von Alt-Erlaa.

Ein moderner, luxuriöser Riesenwohnblock mit 40 Stockwerken, weit draußen am Stadtrand, mit Swimming Pool und Supermarkt, der nach und nach zur Hölle wird, als sich seine Bewohner von der Außenwelt abschotten und in archaische Stammesrituale zurückfallen, bis hin zu Blutopfern im modernen Skulpturengarten auf der Dachterrasse: Diese Szenerie beschrieb der britische Autor J.G.Ballard in seinem 1975 erschienenen dystopisch-ironischen Roman High Rise (dt.: Hochhaus), zu einer Zeit also, als die Ära der Megawohnblocks weltweit gerade ihren Zenit überschritten hatte. Die einst zukunftsfrohe Moderne galt nun als stadtzerstörend und inhuman.

Von wegen Schlafstädte: Ein Blick auf die transdanubischen Plattenbausiedlungen der 1960er-Jahre zeigt erstaunliche urbane Qualitäten

„G’hörn Sie zu der Siedlung?“, fragt die forsche ältere Dame mit dem Dalmatiner und schaut das Besuchergrüppchen kritisch-neugierig an. Das ist gar nicht so leicht zu beantworten, denn Christoph Lammerhuber und Manfred Schenekl, an die sich die Frage vor allem richtet, wohnen zwar nicht hier in der weitläufigen Gemeindebau-Wohnanlage an der Siebenbürgerstraße in Wien-Donaustadt, aber sie kennen die Siedlung gut. Die Dame mit dem Dalmatiner kennen sie auch schon. Sie wohnt seit Anfang an hier, wie sie mit grätzelpatriotischem Stolz erklärt, und beobachtet alles, was sich tut, genau. Für den Skaterpark hat sie sich eingesetzt, auch das neue Fußballfeld für die Jugendlichen findet sie gut. Nur die neuen Sitzbänke seien nicht ordentlich verarbeitet, „da reißt man sich an den Schrauben die Kleidung auf“.

Lammerhuber, Architekt beim Wiener Büro pool architects, und der Historiker Schenekl analysieren schon seit längerem im Auftrag der MA 50 (und im Auftrag ihrer eigenen Leidenschaft) die in die Jahre gekommenen Großsiedlungen der 1960er-und 70er-Jahre, insbesondere die transdanubischen. „Inzwischen bräuchten wir schon eine Dienstwohnung, so oft sind wir hier unterwegs“, sagt Lammerhuber.

Der Architekt Harry Glück hat in Wien Tausende von Wohnungen gebaut. Mit dem Falter sprach der 88jährige über sein Lebenswerk und verriet, was Alt-Erlaa mit Hölderlin zu tun hat.

Gerade mal 33 Jahre ist er alt, der verspiegelte Bau an der Rathausstraße, und schon ist sein Ende so gut wie besiegelt: Das Rechenzentrum der Stadt Wien zog letztes Jahr an den Stadtrand, der Altbau steht leer. Zur Zeit läuft ein ergebnisoffener Wettbewerb für den Standort, dessen Ergebnisse im Herbst präsentiert werden. Beim Bundesdenkmalamt sieht man keine Veranlassung, den Bau unter Schutz zu stellen, denn der maßgebliche Beitrag seines Architekten zur Baugeschichte, so Friedrich Dahm, Landeskonservator für Wien, auf Anfrage des Falter, liege ohnehin im Wohnbau.

Der Architekt ist Harry Glück und sieht das ähnlich: Er blickt auf ein enormes Oeuvre an Wohnbauten zurück, darunter einer der bekanntesten in Wien überhaupt: Der anfangs umstrittene und seither als geglücktes Beispiel großer Stadtrand-Wohnblocks geltende Wohnpark Alt-Erlaa. Auch heute ist der mittlerweile 88jährige Architekt noch aktiv. Ich traf ihn (und Bullterrier Paula) zum Gespräch in seinem Josefstädter Büro mit Blick ins Grüne.

Nach dem Anschluss baute das NS-Regime in Linz 11.000 Wohnungen. Eine Ausstellung widmet sich den Hintergründen der "Hitlerbauten"

Im Dezember 1940, kurz nachdem das Dritte Reich den "Erlass zur Vorbereitung des deutschen Wohnungsbaus von 1940" beschlossen hatte, hielt Robert Ley, Reichskommissar für den sozialen Wohnungsbau, in einer Rede fest, was es mit dem Programm, das außergewöhnlich große Wohnungen vorsah, auf sich hatte: "Wenn eine Vier-Raum-Wohnung da ist, und dann stehen zwei Schlafzimmer leer, dann wird sie das Schicksal schon dazu zwingen, damit diese beiden Schlafzimmer voll werden." Kinder statt Zinsen, so lautete das Leitbild des Wohnens in Kriegszeiten. Wohnraum als Nährboden zur folgsamen Produktion einer wachsenden Volksgemeinschaft.

Die Wiener Wohnbauoffensive soll 7500 neue Wohnungen schaffen. Offen ist, ob die bisherige Qualität der Architektur gehalten werden kann.