The Church of Ian Nairn: Über einen tragischen Helden der Architekturkritik

 

Istanbul, Bahnhof Sirkeci, 1971.

Ein nicht ganz schlanker Mann Anfang 40 sitzt auf einem Prellbock. Er ist gerade aus dem Orient-Express gestiegen, er sieht furchtbar müde aus, er ist völlig erschöpft. Eine Fernsehkamera wartet auf Worte von ihm, aber ihm fallen keine ein. Er gehe jetzt einfach ins Bett, sagt er. Kurz darauf erleidet er einen Zusammenbruch. Sein Name ist Ian Nairn.

Rückblende – London, 1954.

Ein großer, schlanker Mann Anfang 20 klingelt an der Tür des Architectural Review. Er klingelt hier jeden Tag seit Wochen, er hat der renommierten Architekturzeitung Artikel geschickt und will sie publiziert sehen. Er ist kein Architekt und kein Journalist, er ist studierter Mathematiker und Pilot, er trägt noch seine Fliegerjacke der Royal Air Force. Er weiß, was er will. Irgendwann ist Chefredakteur Hastings des tägliche Geklingel leid und er gibt dem jungen Mann den Job. Kurz darauf publiziert dieser sein erstes aufsehenerregndes Buch mit dem Titel „OUTRAGE“, eine wütende Kampfansage an die gesichtslose Suburbanisierung seines Heimatlandes. Heute würde man es „Zersiedlung“ nennen, er erfindet dafür den Begriff Subtopia. Wenn dies so weiterginge, donnert er, dann: „The end of Southampton will look like the beginning of Carlisle; the parts in between will look like the end of Carlisle or the beginning of Southampton".  Sein Name ist Ian Nairn.

Ian Nairn war kein einfacher, und vermutlich auch kein glücklicher Mensch. Aber als Architekturkritiker war er in jeder Hinsicht einzigartig. Beweis gefällig? Vergleichen wir ihn mit einem Kollegen, dem ehrwürdigen Katalogisierer der britischen Baugeschichte, Sir Nikolaus Pevsner. Die Kirche St Mary Aldermary, 1681 von Sir Christopher Wren erbaut, beschreibt Pevsner in seinem 46-bändigen Lebenswerk The buildings of England folgenderweise:

The chief surviving monument of the 17th-century Gothic revival in the City and – with Warwick – the most important late 17th-century Gothic church in England.

Eine sachliche Beschreibung für eine gute Kirche. Wie beschreibt nun der um eine Generation jüngere Ian Nairn dieselbe Kirche? So:

Wren treated Gothic as though it were a cantankerous old aunt: with affectionate disrespect.

Es ist einer meiner Lieblingssätze aus der Welt der Architekturkritik überhaupt. Nicht nur, weil er mit cantankerous (zänkisch, biestig) eines meiner Lieblingswörter der englischen Sprache beinhaltet. Sondern, weil er in einer Sprache gehalten ist, die völlig ungewöhnlich für das Beschreiben von Architektur ist, und dennoch (oder eben deshalb) in knappen Worten nicht nur ein Gebäude, sondern auch seinen Architekten und den Geist dahinter heraufbeschwört.

Von Ian Nairn hatte ich noch nie gehört, bis Anfang dieses Jahres mir sein 1966 erstmals veröffentliches Buch Nairn’s London über seine meistgeschätzten Bauten der Hauptstadt in die Hand fiel. Im Vorwort erklärt Nairn die Kriterien seiner Feldforschung:

Everything in this book is accessible. Locked churches are out unless the keys are freely given. The vicar’s wife of one Middlesex church refused to let me in even after I had explained my harmless purpose. “The plausible ones are always the worst”, she said. This kind of experience is subhuman, and I have no wish to subject my readers to it.

Das ist sehr lustig, und das mit Absicht. Aber Nairns Erschütterung über den Affront der ungastlichen Vikarsfrau und ihre Ignoranz der eigenen baukulturellen Verantwortung war bitterer Ernst.

Ian Nairn schrieb emotional und präzise zugleich, und für ihn waren Gebäude wie lebendige Personen. Gute Freunde, schrullige Alte, interessante Neuankömmlinge. The indentations of the bays are the kind of handle the ordinary passer-by needs to convert the building into a person, schrieb er über das Financial Times Building. Einbuchtungen als Vermenschlichung. Diese Forderung nach der Beseelung des Anorganischen schien ihn bis in die letzte Faser zu durchdringen. Sie war sein Fluch und sein Segen, denn er hatte keine Distanz zu dem, worüber er schrieb. Für ihn war Architektur lebendig, er hatte Beziehungen zu ihr wie zu Menschen, und diese Beziehungen führten zu rauschhaftem Enthusiasmus, bitterer Enttäuschung und brodelnder, kräftezehrender Wut (davon später). St Stephen Walbrook, eine weitere Kirche von Sir Christopher Wren, besteht den Nairn-Test nicht:

What it lacks is something which will tear your heart out...yet it is not heartless, but heart-free, in a landscape of detachment where neither pain nor pleasure has any meaning.

Wann hat man schon in einer Architekturbeschreibung den Unterschied von heartless und heart-free gelesen? Ich hatte es nicht, und wurde sofort zum Fan, zum Mitglied der Church of Ian Nairn. Auch Pevsner, der einige Jahre mit Nairn bei seinen Architekturführern zusammenarbeitete, lobte den ungestümen Kollegen als den besseren Schreiber. Dr. Pevsner... is inclined to tell us everything about a building except whether it is worth going to see. Mr Nairn, more subjective, occasionally perverse...never leaves us in any doubt about this aspect, hieß es in einer britisch-trockenen Rezension aus dem Jahre 1965. Die Zusammenarbeit der beiden währte nicht lange. Das nüchterne Katalogisieren war nicht Nairns Sache.

Dabei war er keineswegs ein undiziplinierter Schreiber. Seine Sekretärinnen bekamen Notizen in sauberer Handschrift, in denen kein Wort durchgestrichen war, zum Abtippen. Sie durften daran kein Wort ändern. Was sollte man auch verbessern an Sätzen wie diesem über die umfassende Rekonstruktion der Bank of England von Sir Herbert Baker (1936):

Anyway, Sir Herbert burrowed through in his whiskery way to provide a rotunda which eases the pedestrian’s job.

An diesem Satz ist alles perfekt. Das schon zu Beginn alles umgangssprachlich einpegelnde Anyway, der homöopathisch dosierte Spott des scheinvertraulichen Sir Herbert, das burrowed through, das nicht nur die enorme Baumasse der Bank of England, sondern auch Sir Herberts bemühtes, aber jede Sensibilität entbehrende Durchwühlen durch dieselbe andeutet, das herrlich bildhafte in his whiskery way, das uns Sir Herberts Erfahrung als kolonialer Architekt mitsamt der dazugehörigen imperialen Schnauzbart-Steifheit und mangelnden städtischen Weltgewandtheit vermittelt, und die elegant-maliziöse Krönung zum Schluss: Die Rotunde wird nicht errichtet, erträumt, überspannt oder aufgetürmt, sondern provided, einfach wie eine Dienstleistung bereitgestellt. Dem Leser ist klar: Die Bank of England ist Fall von typisch britischem muddling-through, aber kein großer Wurf. Eine Biografie von Architekt und Werk in gerade mal 18 Worten.

Zu welchen Höhen er sich aufschwingen konnte, wenn ihn Architektur begeisterte, zeigt seine Beschreibung des Sir John Soane’s Museum, dieser Wunderkammer von Innenräumen, die der gleichnamige Architekt über Jahre (1808-1824) in seinen Häusern an den Lincoln’s Inn Fields anlegte. Eben jener Sir John Soane, der die später von Sir Herbert so ungelenk umgeplante Bank of England erbaut hatte.

After a visit here, four walls and a ceiling can never look the same. A by-product of an ever deeper burrowing into the nature of space and also into the personality of space. Easy; yet somehow the whole business of what ceilings are for has been looked at afresh.

Auch hier wird ge-burrowt, aber nicht durch die Masse, sondern in das Wesen des Raumes selbst. Was ein Unterschied! Wer denkt, hier wäre der Gipfel der Begeisterung entdeckt, war noch nicht mit Ian Nairn im Breakfast Room des Museums mit seinen zahllosen Spiegeln, in dem sich gewöhnliche Vorstellungen von „Wand“ und „Decke“ dank illusorischer Tricks auffächern und auflösen.

It is all the bathroom mirrors anybody ever looked into rolled into one. And it is also the deepest penetration of space and of man’s position in space, and hence the world, that any architect has ever created. If man does not blow himself up, he might in the end act at all times and on all levels with the complete understanding of this room.

Hier geht die Architekturkritik buchstäblich durch die Decke. Es geht um ein einziges, rund 20 Quadratmeter großes Zimmer, aber für Nairn geht es um alles, um die menschliche Existenz an sich. Architektur als Bewusstseinserweiterung, als Hoffnungsschimmer für das Gute im Menschen in Zeiten drohender nuklearer Selbstauslöschung. Doch Nairn war weit mehr als ein Chronist der Innenräume, er war ein aufmerksamer Spaziergänger, und neben Einzelbauten finden sich in “Nairn’s London” auch ganze Stadtviertel. Wie fasst man den Charakter eines Ortes in wenigen Sätzen zusammen? Strukturell, analytisch, historisch. Oder, wie Nairn über den Londoner Vorort Kingston upon Thames, folgendermaßen:

Here and There, with the There a reflection of the Here, like meeting the younger sister of the woman you love.

Ein einzelner Satz, ein vollkommenes Konzentrat aus Weltanschauung, Zeitanschauung und Melancholie. Die Stadt war für ihn, ebenso wie ein Gebäude, etwas Lebendiges, das erst durch die Menschen, erst durch das Unperfekte, perfekt wurde. Und der Blick vom Südufer der Themse auf die Stadtsilhouette mit der St.Paul’s Cathedral wird erst durch ein auf dem Fluss vorbeitreibendes Stück Plastik zu einer vollendeten Stadterfahrung:

If this doesn’t move you then nothing else will. This is the guts of the thing – and part of the guts is the sliced-bread wrapping plastic floating on the Thames.

Auch hier unterschied er sich von vielen britischen Kollegen: Er war kein hochgeistiger Kunsthistoriker, der das Alltägliche verschmähte, und kein Historist, der alles, was nach 1920 gebaut wurde, als modernistischen Irrsinn abtat. Erst später sollte sich seine Meinung ändern. Nachdem die Eingriffe der modernen Stadtplanung immer großmaßstäblicher und serieller wurden, wandte sich Nairn verbittert von der Moderne ab. Als er Nairn's London veröffentlichte, war er noch freundlich optimistisch gewesen: Der Hammersmith Flyover, eine Autobahnhochstraße (The concrete work has the same kind of humanity as Charles Holden’s early Underground stations), kommt im Buch besser weg als das British Museum (Sir Robert Smirke was under the impression that architecture could be created by wrapping a great number of ionic columns around a big E-shaped mass). Die 1961 von H.T.Cadbury-Brown neben die Royal Albert Hall gestellte Stahl-Glas-Beton-Scheibe des Royal College of Art würdigt Nairn mit dem anbetungswürdig schönen Satz: This building is meant to be used and worn and thumbed over and hugged like the family’s big woolly dog. Man kann sich heute noch davon überzeugen, dass er damit völlig recht hatte. Das RCA ist innen wie außen ein so liebenswertes wie benutzerfreundliches Gebäude, das in 56 Jahren als großer wolliger Familienhund noch an Charakter gewonnen hat.

Er glaube nicht an den Unterschied zwischen Hoch- und Alltagskultur, zwischen Kunst und Ingenieurswesen, sagte Nairn. Alles, was für ihn zählte, war die Qualität, die Sorgfalt, die Liebe, der Charakter. Dies – und die möglichst geringe Entfernung zum nächsten Pub. Nicht weniger als 27 Pubs werden in Nairn’s London erwähnt, manche haben sogar ihren eigenen Eintrag, wie der Spaniard’s Pub in Hampstead:

Good beer, the serious drinker’s standby in foreign parts: Draught Bass and Worthington E.

Diesen beiden Lieblingssorten widmet Nairn sogar einen eigenen Epilog im Buch: One will give you more kick at the time, and one will give you less kick the morning after and I suggest you find out which is which.

Seine Liebe zum Bier, zum Alleinsein an Tisch oder Theke in der Öffentlichkeit, erzählt viel über seinen Charakter. Er kam aus einer Middle-Class-Familie, sehnte sich aber nach einer Working-Class-Identität. Er liebte den Norden Englands, besonders Newcastle, und das Ehrliche, Unverfälschte und Aufrichtige des dortigen Menschenschlags. Selbst war er – in nüchternem Zustand – fast krankhaft schüchtern. Die Szenen, in denen er für seine BBC-Reportagen „einfache Leute auf der Straße“ interviewt, sind kaum zu ertragen, so offensichtlich sind seine steife Verkrampftheit, sein Unwohlsein und seine hölzern vorgetragenen Fragen. Man möchte ihn tröstend in den Arm nehmen.

Wie wichtig ihm das Bier war, zeigt eine Szene aus seiner BBC-Reportage auf den Spuren des Orient-Express. Auf einem Zwischenstopp in München besucht Nairn das Hofbräuhaus – und ist entsetzt. Deutlich angetrunken und bebend vor Wut pflügt er durch die johlenden Menschenmassen, schiebt brüsk langhaariges Jungvolk zur Seite („Sorry mate“) und giftet seine Verachtung in die Kamera: Sein geliebter Alkohol war hier zu einem Touristen-Disneyland geworden. It hits me. I hate..... Er kann den Satz vor lauter Wut nicht zuendebringen.

Kein Wunder, dass er am Ende der Reise in Istanbul erschöpft war, nicht nur von den Reisestrapazen, auch von dem, was er sah, und von seinem rapide zunehmenden Bierkonsum. Er sollte in den 70er Jahren noch öfter für die BBC unterwegs sein, doch wurde es immer schwieriger, mit ihm zu arbeiten. Bald war er nur noch vormittags zu gebrauchen, nach dem Lunch im Pub wollte er alles nochmal neu drehen, selten eine gute Idee. Am Ende stand sein Pensum bei 14 Pints zur Mittagszeit in seinem Lieblingspub, der St.George’s Tavern in Pimlico. 1983 starb er an Leberzirrhose, kurz vor seinem 53.Geburtstag.  

Es gibt keinen Masterplan für das Schreiben über Architektur. Selbst finde ich mich in einer begeisterungsfähigen Distanz, von der aus man auch die Hintergründe eines Bauwerks erkennt, am wohlsten. Ich werde wahrscheinlich nie solch schöne Sätze schreiben wie Ian Nairn. Aber er hat mir gezeigt, wie großartig das Schreiben über Architektur sein kann, wenn man ganz nah an sie herangeht, auf sie einprügelt oder sie umarmt.

Eine schöne filmische Würdigung ist unter dem (leider etwas unglücklich gewählten) Titel „The Man who fought the planners“ zu sehen: