Schusterjunge Letterpress

Die Liebe zur Mechanik

Für Jo Wrodnigs Liebe zur Mechanik gibt es gleich mehrere Indizien. Die ersten entdeckt man schon, bevor man seine Werkstatt betritt. Da ist zum einen die Tatsache, dass er sich diese Werkstatt in einer ehemaligen Schraubenfabrik eingerichtet hat. Als nächstes die Tatsache, dass auf dem Parkplatz dieser Schraubenfabrik ein gelber Mercedes Benz, Baujahr 83, parkt, Zeichen solider und dauerhafter Wertarbeit. Von der Decke der Werkstatt hängen zwei Mountainbikes von ebensolcher aus mechanischer Effizienz geborener Schönheit.

Vor allem aber sind es die zwei mächtigen Tiegeldruckpressen der Firma Heidelberger aus den 1960er Jahren, wahre Monumente perfektionierter Funktionalität: Walzen, Hebel, Schalter, Zahnräder, Gelenke. „Das ist der Gipfel der Mechanik,“ sagt der Drucker, während er seinen ausgezeichneten Kaffee serviert. „Besser wurde es danach nie mehr.“

Was ist eigentlich ein Schusterjunge?

Die Idee, sich auf den Tiegeldruck zu spezialisieren, kam Jo Wrodnig, als ihm eine Visitenkarte in die Hände fiel, die auf solch klassische Weise bedruckt war. Noch dazu hatte er schon immer eine Vorliebe für den Buchdruck, dieses alte, langsam in Vergessenheit geratene Handwerk.

Also machte er sich auf die Suche nach noch erhaltenen Maschinen. Dann ging alles ganz schnell: Werkstatt finden, Maschinen aufstellen, Firma gründen, Namen schützen.

Doch was bedeutet dieser Name eigentlich? „Irgendwann hörte ich, wie mich ein Autofahrer auf der Straße als Hurenkind beschimpfte, ein Begriff aus der Schriftsetzerei. In diesem Moment kam mir der Geistesblitz, und die Assoziation zu einem verwandten Begriff, dem Schusterjungen.“ Der Begriff Schusterjunge steht in der Typografie für die erste Zeile eines neuen Absatzes, die alleine am Ende einer Seite steht. Ein Fehler, der dem echten Schusterjungen selbstverständlich nie passiert.

Die Farbe in der Maschine hören

Der nächste Schritt für den gelernten Drucker mit 20 Jahren Berufserfahrung: Sich das Wissen über die Maschinen anzueignen. Zu Hilfe kam ihm dabei ein altgedienter Experte: Heinz, Mitte 70, pensionierter Lehrer an der Grafischen Hochschule, einer der letzten Buchdrucker in Wien. Wenn wir uns einen Star-Wars-Vergleich erlauben dürfen, dann wäre Heinz der Meister Yoda zu des Schusterjungens Luke Skywalker.

Bis heute kommt der Meister alle zwei Wochen in der Werkstatt vorbei und verrät Tipps und Tricks, die man an keiner Schule lernt: Die richtigen Handgriffe an der richtigen Stelle, das schnelle Umrechnen von Maßeinheiten, oder das Entfernen überschüssiger Farbe aus den Walzen. Ein beinahe übersinnliches Einswerden mit dem Gerät. "Heinz hört die Farbe in der Maschine,“ sagt der Schusterjunge.

Analoge Präzision

Von Hand wird die Farbe mit Transparentweiß gemischt und mit dem Spachtel auf den Litho-Stein aufgetragen. Das Klischee, sprich, die Druckvorlage, wird in den Beschließrahmen eingepasst, mit Hilfe eines Sortiments kleiner Metallplatten unterschiedlicher Dicke.

Nächster Schritt: Der Farbe Trockenstoff zumischen, und mit den Zonenschrauben Farbmesser, Duktor und Heber einstellen, die drei Walzen, die den Fluss der Farbe durch die Maschine steuern. Wenn sich die Maschinen in Gang setzen, beginnt ein wunderbares Ballett, und man versteht sofort die Freude des Schusterjungen an der Mechanik.

Hebel, Walzen und Räder bewegen sich synchron in perfekt analoger Präzision, eine Choreographie des Schichtens, Hebens und Positionierens, des genauen Dosierens der Farbe. Als Soundtrack dazu das dumpfe Brummen des Antriebs, das Schmatzen des Ansaugens, das leise Klicken des Zählers. Deutsche Ingenieurskunst, der Mercedes-Benz des Druckens.

Sekunden später stapeln sich schon die fertigen Bögen in der Bogenablage. Das schnelle Ergebnis langer und geduldiger Vorbereitung. Millimetergenau zugeschnitten werden die Bögen dann in der mächtigen Schneidemaschine ELTROMAT 72, gebaut in den 1970er Jahren. Auch hier gilt: Analoge Präzision mit Stil.

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Jo Wrodnig

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